„Schwer, was anderes zu finden“

Fischerhaus vor Abriss: Familie sucht Hilfe

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Nicht groß, alles andere als neu, aber genau passend für eine Familie: das Choukri-Haus an der Obermainstraße.

Mühlheim - Dass Dietesheims letztes Fischerhaus-Ensemble Platz machen soll für neue Wohnhäuser, macht nicht nur Historienbewahrer betroffen. Neben einem Künstler lebt auf dem Gelände auch eine Familie mit zwei Kindern. Für sie stellt sich die Frage: Wohin? Von Christian Wachter 

Als Said Choukri (Name von der Redaktion geändert) vor rund zwei Jahren den unbefristeten Mietvertrag für das Häuschen unweit des Mains bekam, war die Freude groß. 90 günstige Quadratmeter für ihn, seine Frau und ihre beiden Kinder in einer Region, die nicht gerade bekannt ist für bezahlbaren Wohnraum. Dazu ein großer Garten und die Natur direkt vor der Tür. Ursprünglich, erzählt Choukri, sei ihm gesagt worden, dass er an der Obermainstraße alt werden könne. Dem gebürtigen Marokkaner reichte das. Er habe Abstand an den Vormieter bezahlt, die Wohnung renoviert. Er war stolz, dass die heute neunjährige Tochter und ihr vierjähriger Bruder endlich ein eigenes Zimmer bekamen. Vor gut einem halben Jahr dann nach einem Gang zum Briefkasten der Schock. „Es wurde mir mitgeteilt, dass ich wegen des geplanten Abrisses des Hauses ausziehen soll.“ Der 42-Jährige wohnt direkt neben dem letzten Dietesheimer Fischerhaus. Das soll fallen, um Platz zu schaffen für zwei neue moderne Wohnhäuser mit zwölf Eigentumswohnungen und Tiefgarage. Für dieses Projekt soll auch sein Miethäuschen weichen.

Für seine Frankfurter Anwältin Astrid Peuser entbehrt besagte Kündigung jedweder rechtlichen Grundlage. „Für so etwas gibt es bestimmte rechtliche Bedingungen, es muss ein Grund dargelegt werden – und ein Abriss ist keiner“, sagt sie auf Anfrage unserer Zeitung. Auch das Thema Eigenbedarf stehe in diesem Fall nicht zur Debatte. Dafür müsse ein Vermieter das Haus für sich selbst oder andere Personen in Anspruch nehmen wollen. Mit einem Abriss ließe sich nur argumentieren, wenn ein Vermieter wegen des Zustands eines Gebäudes an dessen wirtschaftlicher Nutzung gehindert wäre. Peuser: „So etwas ist aber ein komplizierter Vorgang und muss genau geklärt werden.“

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Die Seligenstädter Bauträgerin Gefi Bau GmbH, die das Ensemble von den Erben der einstigen Eigentümerin gekauft und ihre Neubaupläne schon im Internet inseriert hat, habe sich bei ihm regelmäßig erkundigt, wie es mit seiner Wohnungssuche denn laufe, erzählt der 42-jährige Choukri. Das Unternehmen habe ihm Unterstützung bei Wohnungssuche und Umzug zugesagt. Anfangs allerdings anders, als er es erwartet hatte. „Sie schickten sie mir Anzeigen aus dem Internet, die ich eh schon längst kenne, weil ich sogar in meinen Pausen das Smartphone heraushole, um zu schauen, ob es irgendetwas gibt.“

Mittlerweile, ergänzte Gefi-Bau-Geschäftsführer Martin Wurzel gestern auf Anfrage, laufe die Suche nach eine Lösung mit Hochdruck. Die Firma wolle „helfen, wo wir helfen können“. Dazu gehöre, auch mit ortsansässigen Maklern und privaten Vermietern zu sprechen. Richtig sei, dass die Marktlage nicht aussichtslos, für Familien mit Kindern auf der Suche nach entsprechenden Objekten aber eben auch nicht einfach sei. Gefi-Bau wolle deshalb beispielsweise auch mit einer Bürgschaft einspringen. Vielleicht Teil eines Kompromisses. Sein Arbeitsvertrag als Berater beim Job-Center in Groß-Gerau sei auf zwei Jahre befristet; deshalb könne er es nicht verantworten, für seine Familie eine Wohnung zu suchen, die deutlich teurer als die aktuelle ist, erklärt Choucri. „Unter diesen Umständen ist es natürlich schwer, etwas zu finden.“

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Besonders wichtig sei es ihm, seiner Tochter auf den letzten Grundschulmetern keinen Wechsel zuzumuten. Schon nach der ersten Klasse habe sie sich neue Freunde suchen müssen, als die Familie aus Offenbach nach Mühlheim zog. Und inzwischen fühle sie sich mehr als wohl in ihrem Umfeld. Ihm sei sehr viel an einer friedlichen und kooperativen Lösung gelegen, das betont Choukri ganz explizit. „Wir können über alles sprechen, aber ich muss eine Wohnung für mich und meine Familie finden, die ich bezahlen kann.“ Selbst über eine Wohnung in Obertshausen oder Lämmerspiel könne man verhandeln, weil seine Frau die Tochter für das eine Jahr dann noch zur Schule fahren könnte.

Ein entgegengesetzter Hoffnungsschimmer, weil das Choukri-Domizil zum Ensemble des Fischerhauses gehört: Bürgermeister Daniel Tybussek hat sich vom Stadtparlament beauftragen lassen, den Landes-Denkmalschutz zu einer weiteren Begutachtung der Gebäude zu ermuntern. Und mindestens ein Zeugnis aus Dietesheims Fischer-Vergangenheit findet man auch im Keller der Choukris. Dort steht ein Räucherofen der Vorfahren. Wenn man seine Tür öffnet, riecht es noch ein wenig nach früher.

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