Abschied vom „guten“ Zelt

Die letzten 66 Flüchtlinge sind in die Borsigstraße umgezogen

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Archivbild: Das Flüchtlingszelt neben der Willy-Brandt-Halle.

Mühlheim - Der Umzug der letzten 66 noch im Zelt neben der Willy-Brandt-Halle untergebrachten Flüchtlinge in den „manroland“-Komplex ist abgeschlossen. Gestern begann die Demontage des Zelt-Mobiliars, bis Ende des Monats soll die Planenstadt verschwunden sein. Von Marcus Reinsch 

Die Tränen, die mancher Flüchtling beim auf eine unaufgeregte Drei-Tage-Aktion verteilten Abschied vom Zelt neben der Willy-Brandt-Halle vergoss, waren nicht unbedingt welche der Freude. Bei ihrem Einzug muss es für sie zwar hart gewesen sein, sich an das Leben im sehr hellhörigen Provisorium mit Container-Klos zu gewöhnen. Doch mit den Wochen und Monaten wurden die Sozialarbeiter und die Leute von der Stadt, die Ehrenamtlichen vom Freundeskreises Flüchtlinge, das Reinigungspersonal und der Sicherheitsdienst am Tor zum Gelände feste, verlässliche Größen. Und für traumatisierte Menschen, die vor ihrer Flucht nach Europa mit ständiger Angst vor Krieg und Verfolgung leben mussten, gibt es in relativer Fremde kaum etwas Wertvolleres als Verlässlichkeit.

In ihrem neuen Domizil, dem gerade fertig umgebauten ehemaligen „manroland“-Komplex an der Borsigstraße, ist trotz des Sprungs ins kalte Wasser fast alles besser als bisher. Die Lage an der Gewerbeachse ganz im Westen Mühlheims ist zwar nicht so zentral wie der Platz am Bürgerhaus. Und auch diese Räume sind ein gutes Stück entfernt von dem, was Deutsche für sich selbst akzeptieren würden. Aber sie sind kein Zelt. Erste Stadträtin und Sozialdezernentin Gudrun Monat: Es gibt feste sanitäre Anlagen, es gibt vier Wohngruppen, großzügigere Platzverhältnisse, Zimmer, die für Familien taugen und mit einer Tür verbunden sind. Der Gesamtkapazität des Hauses liegt bei 104 Menschen.

Grundschüler müssen die Klasse wechseln

Schwierig, nicht nur in der Wahrnehmung in Deutschland geborener Kinder: Borsigstraßen-Flüchtlinge im Grundschulalter werden nach den Sommerferien nicht wie zu Zelt-Zeiten die Dietesheimer Geschwister-Scholl-Schule besuchen, wo einige von ihnen schon gleichaltrige Freunde gefunden hatten. Sondern die Mühlheimer Rote-Warte-Schule. Das schreibt die Zuordnung des Wohnorts zur Schule vor, das kann die Stadt nicht ändern. Ältere Kinder besuchen weiterhin die Friedrich-Ebert-Schule.

Das Zelt war von Anfang an als Übergangslösung gedacht. Die Stadt hatte es Anfang dieses Jahres gemietet, als die Zahl der vom Kreis nach Mühlheim geschickten Flüchtlinge und die freier fester Plätze in der Stadt beim besten Willen nicht mehr auf einen Nenner zu bringen waren. Ähnlich wie der Aufbau wird der Abbau drei bis vier Wochen in Anspruch nehmen. Die Demontage des Mobiliars – Betten, Schränke, Tische, Kühlschränke – hat gestern begonnen. Vieles wird die Stadt wiederverwenden können, beispielsweise in anderen Flüchtlingsunterkünften. In den nächsten Wochen folgt der Abbau der Innenverschaltung, dann der Rückbau des Zeltes selbst voraussichtlich ab dem 23. August. Den Planenbau bekommt der Eigentümer zurück; er hat ihn bereits verkauft.

Bilder: So helfen Sie Flüchtlingen in der Region

Die 66 Flüchtlinge aus dem Zelt sind nicht die einzigen, die gerade ein neues Domizil bezogen haben. Das ebenfalls in diesem Jahr zur Unterkunft umfunktionierte Jugendzentrum ist nun auch wieder leer. Die dort zuletzt noch wohnende siebenköpfige Familie hat eine andere Bleibe gefunden. Damit steht das Juz wieder vollständig der Jugendförderung zur Verfügung. Renoviert werden sollen die in den letzten Monaten intensiver als üblich genutzten Räume aber erst, wenn sicher ist, dass sich die Flüchtlingswelle nicht erneut aufbaut. Und das ist momentan nicht abzuschätzen. Denn sollte die Türkei ihren Blockade-Pakt mit der Europäischen Union wie angedroht aufkündigen, können die Zahlen schnell wieder sprunghaft ansteigen.

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