Mühlheim und St. Priest

Als Feinde Freunde wurden

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Auf wegbereitende Verträge sind die Akteure des Freundeskreises St. Priest schon lange nicht mehr angewiesen. Sie verstehen sich, hier beim Treffen im Schwarzwald, auch so.

Mühlheim - Mühlheim und St. Priest knüpften vor 50 Jahren ihre Bande. Erst offiziell, im Lauf der Jahrzehnte aber auch immer wieder ganz persönlich. Von Marcus Reinsch 

Gérard Heinz bringt in seinem Städtepartner-Beitrag fürs 1200-Jahre-Mühlheim-Geschichtsbuch „Unsere Stadt im Wandel der Zeiten“ auf den Punkt, wie wenig selbstverständlich es den Beteiligten anno 1966 erscheinen musste, Menschen aus anderen europäischen Ländern die Hand zu reichen.

Als Mühlheims Bürgermeister Werner Grasmück und sein Amtskollege von St. Priest, Charles Ottino, am 2. Mai 1966 die Verschwisterungsurkunde unterzeichneten, „lag der Zweite Weltkriegs fast 21 Jahre hinter den Bevölkerungen Frankreichs und Deutschlands. Mit den Augen eines Kindes eine lange Zeit, doch für die Betroffenen war es, als sei es gestern gewesen.“ Die Wunden des Kriegs seien noch frisch gewesen. Aber „die Entschlossenheit der beiden Bürgermeister habe „die Anbahnung einer Städtefreundschaft ehemaliger Feinde“ möglich gemacht.

Aus eigener Erfahrung kann es Heinz nicht wissen. Er war von 2008 bis 2014 Stadtrat für Partnerschaft und Entwicklungshilfe in St. Priest, der Gemeinde nahe Lyon. Doch „das war bestimmt nicht einfach“. Schon weil die Aufgabe der Rathauschefs „vom Grunde her gesehen noch viel komplizierter war als der Weg, den Konrad Adenauer und Charles de Gaulle“ als Vorreiter der Aussöhnung eingeleitet hatten. „Denn ein Bürgermeister muss auch seine städtische Bevölkerung davon überzeugen, dass dieser Weg der richtige ist.“

Heute gehe man davon aus, „dass die Partnerschaft eine logische Sache, dass alle mit der Versöhnung einverstanden waren. Man vergisst jedoch, dass dies damals nicht der Fall war.“

Ein Paradebeispiel dafür, dass es nicht so blieb, ist der Mühlheimer Freundeskreises St. Priest. Er existiert seit den Zeiten Werner Grasmücks, pflegt seither die Tradition eines Treffens mit Freunden aus St. Priest. Denn die noch junge Pflanze Städtefreundschaft begann nicht nur durch die von den Städten, Schulen und Vereinen initiierte Begegnungen erste Früchte zu tragen. Besonders Besuche, die auf rein privater Ebene stattfanden, unterstützten das Ziel, die auf beiden Seiten geschaffenen Vorurteile abzubauen und echte, oft generationenübergreifende Freundschaften wachsen zu lassen.

Die Vorsitzende des Freundeskreises, Eleonore Blöcher, hebt besonders über die Jahrzehnte entstandene Verbindungen ganzer Mühlheimer Familien hervor. „Auch die spontane Unterbringung von ebenso spontanen Besuchern konnte mit Hilfe des Freundeskreises immer schnell und unbürokratisch erledigt werden.“ In beiden Städtchen.

Im 50. Jahr der Jumelage trafen sich 28 Franzosen und Deutsche auf halbem Weg. Der Schwarzwald war für vier Tage gemeinsames Ziel. Die Freunde besuchten Durbach, den Vogtsbauernhof als eine dem Mittelalter nachempfundene Stadt, das idyllische Städtchen Gengenbach und das nahe Schloss Staufenberg. Und spätestens bei der Weinprobe waren alle Sprachverständigungsprobleme ausgemerzt...

Im Dezember dieses Jahres, wenn das halbe Jahrhundert Städtepartnerschaft in St. Priest gefeiert wird, fährt wieder eine Mühlheimer Gruppe dorthin, um „bei herzlichen Gastgebern zu Hause zu leben und nicht nur unter einem gemeinsamen Hoteldach“.

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