Historie ja – Denkmal nein

Obermainstraße 20: Gemauerter Zeitzeuge wird fallen

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Unscheibar, aber voller Geschichte – die Obermainstraße 21.

Mühlheim - Ein gemauerter Zeitzeuge aus Dietesheims Vergangenheit als Fischerdorf, der unbedingt erhalten werden muss? Oder einfach nur ein altes Haus, das Neuem zu weichen hat? Bis gestern Nachmittag hofften der Geschichtsverein und einige Privatleute noch. Von Stefan Mangold und Marcus Reinsch 

Dann machte der Kreis aus allen Fragezeichen um die Obermainstraße 20 ein Ausrufezeichen: Dem Fischerhaus bleibt der Denkmalschutzstatus versagt. Es wird fallen. Michael Tresser wird sich eine neue Bleibe suchen müssen. Der Künstler lebt seit 1978 in der Obermainstraße 20. Doch das Haus wird abgerissen. Tresser hat letzten November die Kündigung bekommen. Und später eine Räumungsklage, gegen die er Widerspruch eingelegt hat. Was bis Ende nächsten Jahres auf dem Gelände entstehen soll, ist als Grafik im Internetportal Immoscout unter dem Titel „Modernes Wohnen am Main“ zu besichtigen: zwei Wohnhäuser mit Tiefgarage, zusammen zwölf Eigentumswohnungen, je zwei bis drei Zimmern mit 76 bis 93 Quadratmetern, 258 000 bis 315.000 Euro Kaufpreis.

Dass Tresser da zuschlagen wird, ist zu bezweifeln. Zum einen ist die Wohnlage am Fluss teuer. Zum anderen ist von einem Menschen, der sein ganzes Erwachsenenleben quasi in einer gemauerten Zeitblase verbracht hat, kaum Liebe zum architektonischen Kubismus zu erwarten. Entscheidender: Tresser ist zwar der einzige Mensch, der das Ensemble bewohnt. Aber er ist nicht der einzige, der mit dem Abriss ein Stück Heimat verlieren wird. Denn es handelt sich um ein altes Fischer-Anwesen. Erst kürzlich legten Mitglieder des Mühl-heimer Geschichtsvereins unterm Efeu ein Stück der ab 1610 gebauten dörflichen Ringmauer frei. Das gerade mal drei Meter entfernt beginnenende Haus entstand wohl ebenfalls in dieser Zeit.

Michael Tresser vor den Ringmauer-Resten.

Die erste Vermieterin des damals 20-jährigen Michael Tresser war Pauline Kaiser. Die beiden hatten einen Handschlagvertrag. Monatlich habe er im Haus nebenan bei der Frau die Miete bezahlt: „Eine Quittung gab es nie, dafür aber immer einen Schnaps.“ Auch mit den nächsten Eigentümergenerationen sei er bestens zurecht gekommen. Aus der Nachbarschaft erzählt der 1932 geborene Wilhelm Hainz, wie es in dem idyllischen Hof, der der Tiefgarage weichen soll, in seiner Kindheit zuging. Die Kaisers räucherten auf dem Speicher, der samt Kammer erhalten ist, „und verkauften ihre Fische hier nur an ausgewählte Leute. Die standen Schlange!“ Der Gewölbekeller unter der Scheune nebenan diente zeitweise als Luftschutzkeller. Hans-Jürgen Mloschin vom Geschichtsverein schätzt dessen Alter mit Blick auf Material und Bauweise auf 400 Jahre.

Dass das alles nun verschwinden soll, hält Heinrich Schäfer aus Reichelsheim im Odenwald für bedenklich. Schäfer ist Architekt. Den Dietesheimer Künstler Tresser lernte er kennen, weil er sich für dessen Arbeiten interessierte. Tresser erzählte ihm von seiner Lage. Und Schäfer wunderte sich. Der Bauhistoriker hatte beim ersten Blick einen Verdacht: Das Haus könnte unter den Denkmalschutz fallen.

Er schaltete den Geschichtsverein ein. Dessen Spezialist für Industriegeschichte, Bruno Schmück, bewertet die Gebäude des ehemaligen Betriebs als „einzigartiges Ensemble“ Und Schäfer vermutet: „Am Untermain lässt sich so was sonst nicht mehr finden.“ Er argumentiert auch mit Paragraph 34 des Bundesbaugesetzes. Der besagt, ein Vorhaben sei dann zulässig, wenn es sich „in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt“. Beim Blick auf die Grafiken möge zwar jeder selbst entscheiden, wie viel das hier vermarktete Gebäude mit dem Charakter der Obermainstraße gemein hat. Schäfer jedenfalls nennt die Häuser „Klötze“. „Niemals hätte die Behörde das Projekt genehmigen dürfen.“

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Hat sie aber. Karl-Heinz Stier, der Vorsitzende des Geschichtsvereins, mailte vorgestern zwar noch Landrat Oliver Quilling mit der Bitte an, „über die Denkmalspflege des Kreises nach vorheriger Besichtigung einen vorläufigen Abriss-Stopp zu erwirken“. Und auch Schäfer hatte den Kreis Ende Juli schon angeschrieben, mit der dortigen Unteren Denkmalschutzbehörde in Kopie. Doch damals schon kam die Antwort, dass das Haus nicht die Kriterien für einen Denkmalschutz erfülle. Das wiederum soll auf einer ebenfalls schon fast historischen Einschätzung beruhen: Sie folgte auf eine Besichtigung zur Erstellung der Denkmaltopographie. Das war Anfang der 1980er Jahre.

Dass Gutachter damals nicht alles erkannten, heißt es nun von den Ortshistorikern, „das kann leicht passieren“. Mittlerweile lägen aber neue Erkenntnisse vor. Und das Stück der nun wieder entdeckten Ringmauer sei im Denkmalbuch eingetragen. Der Geschichtsverein hat sich Schäfers Widerspruch gegen die Zurückweisung des Denkmalschutzes durch die Untere Denkmalschutzbehörde angeschlossen. Obwohl sich gestern Nachmittag auch die Obere Denkmalschutzbehörde zur Entscheidung gegen den Status und damit für die Abrissverfügung bekannte, wie Kreis-Sprecherin Kordula Egenolf auf Anfrage informierte. Und auch alle anderen Wege will der Geschichtsverein noch gehen. So klein die Chance auch sein mag. Mit der Obermainstraße 20 wird ein gemauerter Zeitzeuge aus Dietesheims Fischer-Ära fallen. Behörden halten das Ensemble für nicht erhaltenswert.

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