Einfach tun statt nur drüber reden: Marianne Schüler über eine Rollstuhlrampe und andere Hilfe

Oft reichen Kleinigkeiten

Unkompliziert: Marianne Schüler mit Friseurmeister Rüdiger Euler. - Foto: man

Mühlheim - Die Leute melden sich in der Regel zu Wort, weil ihnen etwas nicht passt. Läuft es hingegen rund oder zumindest nicht übel, gilt Schweigen oft als Lob genug. Dieses Prinzip will Marianne Schüler durchbrechen. Von Stefan Mangold

Die Mühlheimerin sitzt seit 27 Jahren im Rollstuhl und meldete sich, „weil auch mal erwähnt werden kann, wenn etwas ganz klasse funktioniert“.

Um zwei Minuten vor zwei sieht Dagmar Wader aus dem Schaufenster des Friseursalons Euler Marianne Schüler kommen. Die 81 Jahre alte Mühlheimerin lässt sich seit Jahrzehnten hier die Haare schneiden. Ihr erster Besuch war schon lange, bevor sie nicht mehr laufen konnte. Seit 27 Jahren bewegt sich die Mühlheimerin mit dem Rollstuhl fort.

Öfter werde sie vor allen von Männern mittleren Alters mit den Worten „Bei Ihnen habe ich mein erstes Matchbox-Auto gekauft“ angesprochen. „Schülers Lädchen“ an der Offenbacher Straße belagerten die Kinder vor allem zu Beginn eines Schuljahrs, um sich mit Heften einzudecken oder in der Grundsatzfrage Geha- oder Pelikan-Füller Position zu beziehen. Das Schreibwarengeschäft führte Marianne Schüler von 1959 bis zu ihrem Unfall 1989. Dann verkaufte sie.

Nicht selten geben sich Menschen mit Querschnittlähmung auf. Daran dachte Marianne Schüler keinen Moment. Im Krankenhaus hatten ihr die Ärzte schonend die Diagnose mitteilen wollen. Das sei nicht nötig gewesen. „Wenn dir das passiert, weißt du sofort Bescheid.“ Irgendwelchen Hoffnungsszenarien nachzuhängen, darauf habe sie verzichtet: „Ich empfand vieles schnell als Glück im Unglück.“

Zum Glück passt ihr Lob für den Friseursalon. Früher hat Rüdiger Euler mit Hilfe von Kolleginnen den Rollstuhl die Stufen hochgezogen. „Irgendwann dachte ich, eine mobile Rampe wäre nicht schlecht“, sagt der Friseurmeister. Er gab den Auftrag an einen Schlosser. Wenn Marianne Schüler kommt, dann reicht es nun, wenn Euler zieht und sie dazu an den Reifen dreht.

Generell werde beim Thema Barrierefreiheit zu viel geredet, anstatt besonders dann ganz einfach zu handeln, wenn es eigentlich nur Kleinigkeiten bedarf, den Alltag von Rollstuhlfahrern zu erleichtern, „wie etwa den Rand des Bürgersteigs an einer Stelle abzusenken“. Im Friseursalon Euler hätten sie hingegen mitgedacht.

Die Mühlheimerin erinnert sich an die Unsicherheit vieler Bekannter, als sie ihr das erste Mal nach dem Unfall begegneten. Manche wechselten in der Ferne die Straßenseite, andere bückten sich an ihrem Rollstuhl tief runter oder gingen in die Knie, „als ob ich den Kopf nicht heben könnte“. Unschätzbar wertvoll: Marianne Schülers soziales Umfeld stimmte. „Viele gute Geister haben mich geleitet“, sagt sie. „Alleine hätte ich es nicht geschafft.“

Anfangs mussten Zivildienstleistende sie noch in ihre Wohnung im dritten Stock tragen. Wichtig sei die Reha gewesen. Sie habe vom ersten Moment an alles daran gesetzt, das neue Leben zu akzeptieren, sich die Tricks und Kniffe im Umgang mit dem Rollstuhl anzueignen, nicht aufzugeben. „Auch im Rolstuhl ist man ja nicht ein armes Puppchen, sondern kann ein normales Leben leben.“ Seelisch geholfen habe ihr vor allem eine psychiatrische Ärztin, die selbst im Rollstuhl saß. Später habe sie schnell gelernt, mit dem ungebauten Auto zu fahren.

Vor kurzem berichtete ihr Enkel, in der Schule behandelten sie gerade das Thema Behinderte. Schüler fragten den Zehnjährigen zum Spaß, ob er jemanden kenne, der behindert sei. Der Junge verneinte die Frage ganz ernsthaft, was letztlich nicht wundere: „Ich kann mich schließlich selbstständig und überall hin bewegen.“

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