Die Wohngemeinschaft

Rotes Kreuz und Geschichtsverein weihen Domizil ein

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Gruppenbild mit Vereinsvorsitzenden und „Dame“. Am Puppenleib wirken alte Uniformen des Roten Kreuzes viel anschaulicher.

Mühlheim - Das Rote Kreuz und der Geschichtsverein laden für 22. Mai zum Tag der offenen Tür in die Lessingstraße 25 ein. Es ist eine Einweihungsparty, die beiden Clubs mieten das Haus gemeinsam. Was merkwürdig klingt, ergibt beim zweiten Hingucken einen Sinn. Von Stefan Mangold 

In einem Zimmer steht die Abbildung eines Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. Die lebensecht wirkende Puppe stützt sich auf Holzkrücken. Ein Bein blieb auf dem Feld der Ehre. Ein Anblick, der nach jedem Krieg die Frage aufwirft: Hat sich das gelohnt? Seit dem letzten Jahr betreiben das Rote Kreuz und der Geschichtsverein das gut 100 Jahre alte Haus in der Lessingstraße 25 gemeinsam. Es hatte lange leer gestanden. „Ganz früher war das eine Kneipe mit Tanzsaal“, weiß Rainer Schmitt (65), der DRK-Vorsitzende. Karl-Heinz Stier, Chef des Geschichtsvereins, kennt Helmut Müller, lange Jahre Mühlheimer Öffentlichkeitsarbeiter des Kreis-DRK. Müller nennt eine Sammlung von rund 3000 Exponaten rund ums Thema Rote Kreuz sein Eigen. Die dürfte zum einen in der Republik vergeblich nach ihres Gleichen suchen. Zum anderen drohte sie bei dem 88-Jährigen zu Hause aus allen Nähten zu platzen.

Ein Zustand, gegen den auch der Geschichtsverein ständig kämpfen muss. Er hält mittlerweile sieben Dependancen zum Unterstellen. Stier schlug Schmitt vor, ihr verwandtes Problem symbiotisch zu lösen. Schmitt gefiel die Idee der Vereins-Wohngemeinschaft. Die Rotkreuzler können so verhindern, dass die Sammlung Müller mit der Zeit in verschiedenen DRK-Museen im Land versandet. In den ersten Monaten lief im Haus nicht alles glatt. Alte Heizkörper ließen sich auf-, aber nicht mehr abdrehen. Die Nebenkostenabrechnung ließ die Kassenwarte verschreckt blinzeln. Man korrespondiere also mit der Eigentümerin Stadt darüber.

Hakenkreuz neben dem DRK-Symbol

Manchen dürfte es überraschen, etwa einen Säbel zu sehen, auf dem das Hakenkreuz neben dem DRK-Symbol prangt. Bis heute neigen viele Vereine dazu, ihr Club-Leben während der Nazizeit nicht übertrieben stark zu thematisieren. Bei Mühlheims DRK halte man nichts davon, die Phase zu verschweigen: „Im Krieg was das Rote Kreuz eine militärische Einheit der Wehrmacht.“ Vor allem im Ersten Weltkrieg erlebten die Helfer der Organisation in den Lazaretten unvorstellbares Elend, als sie zerschossene und durch Giftgas verätzte Männer notdürftig versorgten. Einer von ihnen war der Sanitäter Otto Engelhardt. Vom Mitbegründer des DRK in Mühlheim im Jahr 1909 ist eine Armbinde erhalten. In einem anderen Raum hängen historische Mützen aus etlichen Ländern des vom Schweizer Henry Dunant 1863 gegründeten Internationalen Roten Kreuzes.

In den Räumen des Geschichtsvereins sieht es naturgemäß anders aus. Beim Anblick eines Schwarz-Weiß-Fernsehers aus den 60er Jahren könnte mancher innerlich die Titelmelodie der Westernserie Bonanza hören. Damals blieb der Zuschauer meistens den ganzen Abend bei einem Sender hängen. Im Vorzeitalter der Fernbedienung fehlte oft die Motivation, den Sessel zu verlassen, um ein anderes Programm zu drücken. Und mehr als drei gab’s ja sowieso nicht. Die Historie von 100 Jahren Unterhaltungsindustrie lautet ein Thema des Geschichtsvereins am Sonntag der Offenen Tür, 22. Mai, 11 bis 14 Uhr. Außerdem bietet Christine Weingärtner an, in alter deutscher Schrift notierte Briefe zu entziffern. Wer will, kann anhand seines Namens nach möglichen Verwandtschaftsbeziehungen in Mühlheim forschen lassen.

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