Rudi Härtls Senioren-Verwöhntag

Treffen der Erinnerungen

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Klar, sowas wie den Verwöhntag für Senioren darf und will man sich nicht entgehen lassen (von links): Friseurmeister Helmut Euler, Eleonore Blöcher, die Grand Dame der Mühlheimer Flüchtlingshilfe, Ehrenbürgerin Elisabeth Gilmer-Kaiser und Bürgermeister Daniel Tybussek.

Mühlheim - Im Mai hatte Rudi Härtl, Wirt in Mühlheims „Probierstube“, mit Freunden auf der Jean-Monet-Straße ein Straßenfest organisiert. Kein Selbstzweck, der Verdienst floss in die nächste Feier – den Verwöhntag für Senioren in der Willly-Brandt-Halle.

Rudi Härtl und die Helfer haben sich mit Café und Kuchen, Brötchen und Bier für 600 Gäste gewappnet. Und noch bevor es losgeht, berichtet Horst Schweikard als einer der Organisatoren des Senioren-Verwöhntags in der Willy-Brandt-Halle von einem beruhigenden Fakt. Während des für die Finanzierung der schönen Stunden gedachten Straßenfest des Probierstuben-Wirts Härtl im Mai hatte es geregnet. Kein Drama, Scheikardt als Chef des Ski- und Freizeitvereins hatte ein Zelt in petto. „3200 Euro kamen zusammen“, sagt Schweikard. „Dazu steckten noch viele Mühlheimer dem Rudi ein Kuvert zu“, ergänzt Bürgermeister Daniel Tybussek. Und es soll genug Geld als Grundstock übrig sein, um im nächsten Jahr eine ähnliche Geschichte zu organisieren.

Der Wermutstropfen liegt allerdings darin, dass sich weit weniger auf den Weg in den Willy-Brand-Halle begaben, als Härtl und seine Mitstreiter erhofft hatten. Der Grund ließ sich im Vorfeld nicht erahnen: Vielen war es schlicht zu heiß, um durch die Sonne zu laufen. Wer ein Fest auf den Mai oder den Juni terminiert, der muss Regen einkalkulieren. Daran, dass die Temperaturen in unseren Breitengraden an einem 11. September die 30 Grad überschreiten, kann sich auch die Frau des Jahrgangs 1935 nicht erinnern, die genauso wie ihre Schulfreundin am Tisch gegenüber auf keinen Fall ihren Namen verraten will. Nicht schlimm, aber schade. Denn die Mühl-heimerin hat Interessantes für die Nachkriegshistorie der Stadt zu erzählen.

Als 12-Jährige hatte sie mit Eltern und Geschwistern in Folge der Benes-Dekrete über Nacht die Heimat im tschechischen Mähren verlassen müssen. Nicht selten sind es kleine Dinge, die ein Leben lang im Gedächtnis bleiben. Die heute 81-Jährige weiß noch genau, wie die Suppe schmeckte, die es beim Umsteigen von einem Viehwaggon in den anderen auf dem Bahnhof in Prag gab: „Ungenießbar scheußlich.“ Über einen Zwischenstopp im Aufnahmelager in Büdingen kam das Mädchen nach Mühlheim, „am 16. August 1947. Auch damals war es heiß.“

Schulunterricht in der Fremde

Seltsam klang der Schulunterricht in der Fremde. Zwar sprachen die Mitschüler angeblich Deutsch, „aber ich verstand kein Wort“. Heute lässt sich nicht mehr heraushören, dass die Frau Hessisch einmal als Fremdsprache erlebte. Herzlich sei sie auf der Goetheschule von den anderen 62 Mädchen in der Klasse aufgenommen worden. Im Ort lernte sie auch ihren Gatten kennen, „der Glücksgriff meines Lebens“. Ihr Mann verstarb schon mit 52 Jahren. Den Rudi Härtl kennt sie seit dessen Kindheitstagen, „auch ich wohnte in der Nähe von St. Markus“. Der Name bleibt dennoch geheim.

So wird der Verwöhntag zum Erzählcafé. An vielen Tischen sind solche Erlebnisse zu hören. Zurück zum Fest, zurück zu Härtl. Der begrüßt mit den Kumpels Joachim Rausch, Jörg Knipp und Salva am Eingang die etwa 150 Gäste, die der Hitze trotzen. Die drei gehören dem Donnerstagsstammtisch an, der sich seit vier Jahren in der Probierstube trifft und bei Rudi besonders schätzt, „dass es sich um eine richtige Kneipe handelt“. Die Gattinnen der Stammtischfreunde schenken derweil Kaffee aus, den Michael Blank vom Mühlheimer Kaffeeservice gesponsert hat. Die Brauerei Schlappeseppel versorgt jene, die heute etwas Kühles bevorzugen. Die Stunden im Bürgerhaus sind auch eine Art kleine Gewerbeschau. Aber ohne Gewinnstreben.

Rudis Wirtschaft ohne Schnickschnack schätzt auch Helmut Euler. Der 89-jährige Friseur vom Salon schräg gegenüber der Probierstube kommt seit Jahren freitags zum Skat und spricht Grußworte. Euler assistiert auch dem Mühlheimer Multitalent Stefan Heberer, der heute als Zauberer Wasser in die gefaltete Zeitung kippt. Bauchredner Andy Franz tritt mit Puppe Konrad auf. Am Ende kann sich jeder Kuchen mitnehmen. Auch wenn weniger kamen, als erwartet, herrscht unter den Helfern der Grundtenor: „Das machen wir wieder“.

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