Sängerkranz gedenkt Manfred Küchler

Nachfolger auf eigenem Weg

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Maximilian Nickel hielt sich erst gar nicht damit auf, in Fußstapfen zu treten. Der neue Chorleiter brachte seinen eigenen Stil mit.

Mühlheim - Automatisch ist die Rede von den Fußstapfen, die jemand hinterlässt, der Jahrzehnte ein Amt mit Herzblut füllte. Musikdirektor Manfred Küchler zum Beispiel dirigierte Dietesheims Sängerkranz seit 1984. Er starb im Alter von 75 Jahren. Von Stefan Mangold 

Mit einer Dankandacht gedachten die Chöre seiner und weiterer vermisster Menschen in St. Sebastian. Am Taktstock: der neue Dirigent Maximilian Nickel. Schon lange, bevor die Stimmprobe losgeht, stehen ein paar Sänger vor der Kirche zusammen. Helmut Jung, seit 1993 Vorsitzender des Dietesheimer Sängerkranzes, erzählt von Manfred Küchler. In den 31 Jahren seines Wirkens sei keine einzige Probe wegen Krankheit des Dirigenten ausgefallen. „Er kam niemals auch nur eine Minute zu spät“, ergänzt Christoph Spindler, der Öffentlichkeitsmann der Chorfamilie.

Als Küchler in Dietesheim den Taktstock in die Hand nahm, war Sebastian Schwemmler noch ein Kind. „Ich habe noch ein Jahr im Kinderchor von Hermann Gesser gesungen“, erinnert sich das mit 37 Jahren jüngste Mitglied im Chor. Dort draußen gedenken die Sänger der Ehemaligen ganz persönlich. Jeder, wie er sich erinnert. Auch wenn Jahreszahlen meist nicht so einfach aus den Ärmeln zu schütteln sind. Die Frage kommt auf, wann Ehrenchorleiter Gesser genau gestorben sei.

Und der Tod von Manfred Küchler vergangenes Jahr wirkt immer noch wie eigentlich nicht zu begreifen. „Eben noch hatte er mit dem Frauenchor geübt“, erinnert sich Herbert Wäscher (79), der seit 1957 mitsingt. Dann habe es geheißen, der Küchler sei gestorben. „Plötzlich und unerwartet“ umschreiben Traueranzeigen den Tod, dem kein Siechtum voran ging.

Trotz der großen Fußstapfen lässt sich jetzt schon sagen: Maximilian Nickel fiel es überhaupt nicht schwer, die Nachfolge anzutreten. Die Geschichte erinnert an die jungen Trainer in der Bundesliga, die niemand vorher kannte, die aber sofort einschlagen.

Nickel, in Lahntal aufgewachsen, bewarb sich mit drei anderen um das so plötzlich vakante Amt des Leiters des Männer- und des Frauenchors vom Sängerkranz. Die Mitglieder entschieden sich für den mittlerweile 22-Jährigen, der in Frankfurt mit Hauptfach Oboe Schulmusik studiert und trotz seiner jungen Jahre als Leiter der Musikproduktion „Nero“ in Weilburg als Dirigent bereits Erfahrung gesammelt hatte.

Spindler (65) erzählt, Nickel habe die klassischen Chorlieder geprobt, aber interpretatorisch neu nuanciert. „Es macht großen Spaß mit ihm“, erklärt der Werbemann, warum es Nickel leicht gefallen ist, sich vom großen Schatten seines verehrten Vorgängers nicht das Licht nehmen zu lassen.

Der ruhig und dennoch bestimmt auftretende Musiker fordert bei „Heilig, heilig ist der Herr“ von Franz Schubert, einem Klassiker der Männerchorliteratur, stärkere Emphase. Der Chor setzt beim zweiten Versuch tatsächlich um, was der Dirigent sich vorstellt. Nickel hat Glück. Nicht von ungefähr räumt der Sängerkranz bei Wettbewerben stets ab. Artikulation und Intonation klappen ebenso aus einem Guss, wie sich die Balance zwischen den Stimmen im Gleichgewicht bewegt. Sowas ist sonst kein Selbstläufer, schon gar nicht in einem Männerchor.

Auf der Empore singt der ebenfalls über Jahre gut geprobte Frauenchor „Nehmt Abschied, Freunde“. Die Melodie erinnert Pfarrer Willi Gerd Kost an Zeltlagererlebnisse in seiner Jugend. Das Lied habe er besonders dann gerne mitgesungen, „wenn ich keinen Bock hatte, schon ins Bett zu gehen“. Passend zur Situation der Chöre predigt Kost vom Neuanfang und vermutet, „dass Manfred Küchler jetzt von oben auf uns runter schaut und sich freut, wie es im Sängerkranz weiter geht“. Ein tröstlicher Gedanke. Denn es läuft gut.

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