Serie „Kleinode der Industriekultur“, heute: das Wasserkraftwerk

Die gesprengte Kirche im Fluss

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Die einstige Maschinenhalle des Kraftwerks.

Mühlheim - Unsere große Serie über Kleinode der Industriekultur zeigt heute, was die Vorfahren sprengten: Die „Kirche im Fluss“, wie die Dietesheimer das Kraftwerk am Main einst tauften. Von Stefan Mangold 

Bruno Schmück mit dem Tropföler aus dem Kraftwerk Kesselstadt, von dem eine Ansicht erhalten ist.

Das Thema Denkmalschutz führt zu Kontroversen. Den Abriss des Zürich-Hochhauses an der Alten Oper beispielsweise und des Turms der Goethe-Universität, einst zeitlos hässliche Klötze in Frankfurt, betrauern nur wenige aus architekturästhetischen Gründen. Auch die spätestens nach dem Krieg entstandenen Industriebauten dienen bis heute der reinen Funktion und nicht der schönen Ansicht. Das war nicht immer so. Der Mühlheimer Geschichtsverein kümmert sich mit seiner AG Industriekultur vor allem in Person von Bruno Schmück um das Andenken der früheren Schleuse und Wehranlage Kesselstadt. Das fand schon 1985 Niederschlag im Bildband „Hessen. Denkmäler der Industrie und Technik.“ Aber das feite das Bauwerk nicht davor, drei Jahre danach dem Dynamit zum Opfer zu fallen. „Später fing das Klagen über das verlorene Denkmal an“, erinnert sich Ingenieur Schmück, „leider erst, als es zu spät war“. Den passenden Namen „Kirche im Fluss“ verliehen die Dietesheimer dem Kraftwerk postum.

Der Startschuss des Baus der Anlage fällt auf den 18. Juni 1914. Zeitgleich geht es in Großkrotzenburg und Mainkur los. Laut Plan soll das Kraftwerk vier Jahre später zur Stromgewinnung in Betrieb gehen. Damals liegt die Großkatastrophe Erster Weltkrieg zwar schon in der Luft. Doch konkret kann niemand wissen, dass Deutschland anderthalb Monate später Frankreich und Russland den Krieg erklärt haben wird. Dennoch gehen Planung und Bau voran, wenn auch schleppender als gedacht. Immerhin: „Turbinenausläufe und Turbineneinläufe fertig“, steht für den 10. November 1917 in den Akten.

Ganz fertig ist die Anlage samt Schleuse, Wehranlagen, Turbinenpfeiler und Maschinenhaus mit über 15 Metern Breite und über 80 Metern Länge am 3. November 1921. Vier Francis-Turbinen erzeugen die Energie, die je zwei Generatoren über Winkelgetriebe und Kupplungen in Gang setzen. Die Leistung hängt vom Wasserstand des Mains ab, sie liegt zwischen 500 und 1600 Pferdestärken pro Turbine. Alte Flusskraftwerke wie in Kesselstadt sind in Deutschland mittlerweile allesamt verschwunden. „Man zerstörte einzigartige Bauwerke samt der Technik“, bedauert Bruno Schmück. „Das Besondere an der damaligen Bauweise waren die längs zum Fluss stehenden Turbinenpfeiler“, erklärt der 63-Jährige. Nach der Sprengung schaute sich der Dietesheimer in den Trümmern um und nahm etwa einen Tropföler mit, ein zylinderförmiges Teil aus Glas und Bronze. Es liegt schwer in der Hand.

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Ein sehr monströses Gewicht für seine Größe stellt das neue Denkmal auf die Waage, das auf der Dörnigheimer Seite ein paar Meter flussabwärts am 29. Juni seine Einweihung fand. Es steht unter einem Giebeldach, das an die damalige Kirchenform erinnern soll. Dabei handelt es sich um etwas für technische Feinschmecker, um „ein Glockenrad des Windelgetriebes zwischen Turbine und Generator“. Das Teil wiegt so viel wie ein afrikanischer Elefantenbulle: sechs Tonnen. Das hatte sich weiland Karl-Heinz Schreiber für seine Gemeinde geschnappt, damals Erster Stadtrat von Maintal. Ewig lag das Glockenrad dann auf dem dortigen Bauhof herum.

Bruno Schmück agiert als Berater der Route der Industriekultur in Zusammenarbeit mit dem Regionalpark Rhein-Main. Er führte Diskussionen mit der Projektleiterin – das Glockenrad stand falsch herum. Der Ingenieur überzeugte, dass das zumindest auf die Fachwelt wie ein Schildbürgerstreich wirkt und zeichnete vor, wie es sein soll. Bleibt noch die Sache mit den Schrauben, die das Glockenrad befestigen. Schmück hofft, dass sich die billigen Dinger bald durch solche austauschen lassen, die historisch zu dem Denkmal passen.

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