Siedlergemeinschaft Rote Warte ist 80 Jahre alt

Ganz in Weiß am letzten Busch

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Die Siedlergemeinschaft Rote Warte hat die „Weiße Nacht im Park“ gefeiert.

Mühlheim J  Mühlheims Siedlergemeinschaft Rote Warte ist 80 Jahre alt. Auf akademische Weise kann das immer noch gefeiert werden. Aber erstmal soll es Freude machen. So wie bei der „Weißen Nacht im Park“. Das Prinzip: Jeder bringt was zu Essen mit. Und jeder zieht an, was ihm gefällt. Hauptsache, es ist weiß. Von Stefan Mangold 

Franz-Dieter Buchheimer (66), der Vorsitzende der Siedlergemeinschaft Rote Warte, legt noch ein paar Bier- und Weißweinflaschen ins Eiswasser. Durch die Hitze sind ein paar Helfer ausgefallen. Jetzt verzögert sich alles ein wenig. Zu diesem frühen Zeitpunkt der „Weißen Nacht im Park“, mit der die Siedler in ihr 80-Jahre-Jubiläum starten, trägt nur einer nicht Weiß: Jürgen Fritz (56), der zweite Vorsitzende. Er baut noch auf, verabschiedet sich dann aber für einen Moment - „Ich geh heim und zieh mich um“. Das ist der Vorteil der meisten Menschen, die hier sind: Niemand musste für den Weg auf die Grünfläche „Am letzten Busch“ erst ins Auto steigen, alle wohnen um die Ecke.

Buchheimer erzählt von der Historie des Viertels, das 1936 mit anfangs elf Häusern entstand. Damals gründete sich auch der Verein. Bis dahin war die Rote Warte Waldgebiet. Die großen Eichen, unter denen jetzt etwa 150 Nachbarn sitzen, standen schon im Kaiserreich. Die Idee zur „Weißen Nacht im Park“ stammt von Andrea Fritz, der Gattin des Vizevorsitzenden. Die Franzosen feiern schon lange so, die Mühlheimer machen’s zum ersten Mal.

Das Bild ist beeindruckend. Zwar beschwören auch die Mitglieder diverser Religionsgemeinschaften ihre Identität, indem sie alle die selbe Farbe tragen. Doch dass hier keine Sekte zusammen sitzt, lässt sich auf den ersten Blick erkennen. Dafür wirken die Leute, die ihre mitgebrachten Köstlichkeiten verspeisen, zu unterschiedlich.

Vor drei Jahren erneuerte sich der Vorstand der Siedlergemeinschaft. Die 38 Jahre zuvor hatte Bernd Popp den Verein geführt. Der aktuelle Vorsitzende Franz-Dieter Buchheimer, der in Offenbach aufwuchs, kam durch seine Frau Bärbel vor 40 Jahren ins Viertel. Und Andreas Stenger, sein 91-jähriger Schwiegervater, der bei Buchheimers im Haus wohnt, zog als Elfjähriger mit seinen Eltern her.

Das Viertel entstand aufgrund eines Reichsheimstättengesetzes aus der Weimarer Republik. 1929 wurde das Projekt bewilligt. Die Idee lag darin, Bürger aus der Stadt zu bewegen, in ländliche Gebiete zu ziehen. Wer hier ein Haus für günstiges Geld kaufen wollte, musste mit der Nachbarschaft in spe nach Feierabend und am Wochenende auf den Baustellen arbeiten. Damit niemand pfuscht, gab der öffentliche Träger erst bekannt, wer welche Immobilie bekommt, wenn der Rohbau stand. Die vergleichsweise großen Grundstücke sollten den Siedlern dazu dienen, sich durch private Landwirtschaft zu einem Teil selbst zu versorgen. „Eine Geschichte der Nazis war das jedoch nicht“, erklärt Buchheimer, „schließlich kam die Bewilligung schon 1929“.

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Der Geist der Nachbarschaft verflog auch über die Generationen nicht. Jeden Donnerstag treffen sich einige zum Stammtisch im Siedlergemeinschaftshaus an der Henri-Dunant-Straße, obwohl dort momentan kein Wirt ausschenkt. Wenn die Renovierungsarbeiten abgeschlossen sind, hofft der Vorstand des Clubs auf einen Pächter mit deutscher Küche.

Wie Nachbarschaftshilfe im Viertel aussieht, zeigt sich auch am Verhältnis zur Rote-Warte-Schule an der Birkenwaldstraße. Dort wird gerade die Turnhalle renoviert, weshalb es für die Einschulungsfeier morgen einen anderen Platz braucht. Die Siedlergemeinschaft stellt ihren Saal zur Verfügung. Dort feiert der Verein Mitte September auch sein Oktoberfest, bei dem erst eine 17-Mann-Kapelle aufspielt und später, mit Blick auf die Jugend, ein DJ auflegt.

Das Treffen im Park soll nicht das letzte seiner Art gewesen sein. Überhaupt will die Siedlergemeinschaft das grüne Areal im Zentrum des Viertels verstärkt für Vereinsaktivitäten nutzen. Niemand solle auf die Idee kommen, betont Jürgen Fritz, „die Fläche für ein Filetstück zu halten“.

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