Schluck und Gluck

Stadtwerke öffnen Wasserwerk und Wasserturm für Neugierige

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Scheitern macht Spaß – zumindest in den Luftbällen, in denen Gleichgewicht Glücksache ist.

Mühlheim - In den meisten Ländern wäre es ein Luxus, Leitungswaser trinken zu können. Hierzulande kann das jeder: 1000 Liter kosten in Mühlheim 1,67 Euro. Nicht nur das konnten die Besucher am Tag der offenen Tür im Wasserwerk und auf dem Wasserturm erfahren. Von Stefan Mangold

Sonst leitet Günter Scholz die Finanzbuchhaltung der Stadtwerke. Am Tag der offenen Tür in Wasserwerk und Wasserturm erledigt er einen anderen Job: Am Fuße des Turms weist er die Gäste ein. Nach einer Stunde sind bereits rund hundert Besucher da. Die meisten wollen rauf. Eine Höhe von knapp über 42 Metern hört sich zwar nach nicht viel an, 176 Stufen aber schon. Das Kraxeln lohnt. Von oben reicht der Blick im Rund bis Taunus, Spessart, Odenwald. Auf vier Säulen steht der Turm, erklärt Steffen Wüscht, „das Gemäuer trägt zur Statik nichts bei“. Der 37-Jährige schloss vor 20 Jahren bei den Stadtwerken eine Lehre als Rohrleitungsbauer ab.

Stadtwerke-Chef Wolfgang Kressel im großen Rohr-Wirrwarr.

Im Turm lagern 500 Kubikmeter Wasser. Ein Mensch, der im Schnitt die empfohlenen drei Liter pro Tag trinkt, käme damit 456 Jahre über die Runden. Der Deutsche verbrauche 120 Liter pro Tag, erläutert Wüscht. Das klingt hoch. Seit Jahren geht der Verbrauch jedoch kontinuierlich zurück. Toilettenspülung, Spül- und Waschmaschine kommen mit wesentlich weniger an Wasser aus als in früheren Jahrzehnten. Wüscht erzählt auch von der Korrelation von Stromausfall und sinkendem Wasserverbrauch. Den konnten die Stadtwerke vor ein paar Jahren genau beobachten. Klar: Im Dunkeln zieht es auch kaum jemandem unter die kalte Dusche.

Ortswechsel: Normalerweise gelten Hüpfburgen als Nonplusultra der Kinderbespaßung. Heute sind im Hof des Wasserwerks hinter der Bahnlinie Luftbälle der Brüller. Das Kind setzt sich rein, der Schlauch bläst durch ein Loch, das sich per Reißverschluss abdichten lässt. Im Bassin können die Kinder im Ball übers Wasser laufen, was allerdings schwer fällt. Nur für Momente lässt sich das Gleichgewicht halten. Auch hier erscheinen bei idealen Wetter weit mehr Besucher, als Wolfgang Kressel im Vorfeld vermutet hatte. Der Chef der Stadtwerke erklärt, woher das Wasser stammt: zu zwei Dritteln aus sieben Brunnen im Markwald, der Rest aus Jügesheim. Das Markwaldwasser ist hart, das Jügesheimer weich, weshalb sich ein Verschnitt anbietet.

Tag der offenen Tür im Wasserwerk sowie im Wasserturm

Im Kiesfilter-Raum ist es frisch. Das liegt an keiner Klimaanlage, sondern an zwölf Grad Wassertemperatur in einer Tiefe von 60 Metern. Die Kiesfilter isolieren das Eisen. Das wäre zwar nicht gesundheitsschädlich, gäbe dem Wasser jedoch eine bräunliche Farbe und verstopfte mit der Zeit die Rohre. Zweimal pro Woche nehmen Kontrolleure vom Bundesgesundheitsamt Proben. Interessanterweise sind die erlaubten Grenzwerte bei Leitungswasser niedriger als bei Mineralwasser, das pro 1000 Liter etwa 500 Euro kostet. Der Preis aus dem Hahn liegt um 99,67 Prozent niedriger.

Kressel, der in Darmstadt Elektrotechnik studierte, erklärt die speziellen Filter, die in der Lage sind, Chlorkohlenwasserstoffe zu isolieren. Östlich vom Markwald befand sich vor Jahrzehnten an der Dieselstraße eine Mülldeponie. Damit durch unterirdische Grundwasserströme keine Restbestände ins Netz gelangen, sei die Filteranlage in Mühlheim so effizient, „dass auch keinerlei Medikamentenrückstände im Wasser bleiben“. Die stehen im Ruf, die Spermaqualität zu mindern – falls die Geburtenrate Mühlheims über dem bundesdeutschen Schnitt liegt, lässt sich der Grund erahnen.

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