Kerb in Mühlheim-Dietesheim

Zum Vierzigsten trägt er Fliege

+
Die Kerbburschen tragen den Kerbborschen auf Schultern und mit wehenden Fahnen durch Dietesheim.

Mühlheim - Das Sommerfest der Kolpingfamilie startete vor 40 Jahren als Vorläufer der Dietesheimer Kerb. Und ausgerechnet zum Jubiläum wurde der neue, attraktive Kerbborsch nass! Was einst auf den Mainwiesen begann, bewegt heute zwei Kirchengemeinden, ja einen ganzen Stadtteil.

Was wäre Dietesheim ohne seine Kerb! Ein verschlafenes Fischernest am Ufer des Mains! Erst der Kerbborsch verleiht den Basaltköpp’ das Flair und den Glanz einer Metropole – zumindest für fünf Tage. Udo Parakenings, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats (PGR) von St. Sebastian, erzählt anlässlich des 40. Jubiläums von der Entstehung des Brauchs. Beim traditionellen Zug durch die Straßen plauderte er aus der Historie. Das Fest der Kolpingbrüder am Fluss fand immer mehr Anklang in der Bevölkerung. Dennoch war die Ausgabe zum 25-jährigen Bestehen der Gemeinschaft 1975 zugleich die letzte. Der Aufwand für Auf- und Abbau, das Herbeiholen schwerer Gerätschaften und nicht zuletzt die Forderungen des Naturschutzes ließen die Akteure nach einer neuen Heimat der Tradition suchen. Das war nach Absprache mit dem PGR ab 1977 der Garten des damals leerstehenden Schwesternhauses.

Auch zum Karussellfahren ist sich der Kerbborsch nicht zu schade. Zusammen mit den Kerbburschen dreht er seine Runden.

In den ersten zehn Jahren lief das Sommerfest zu Kirchweih unter der Regie von Kerbmeister Reinhard Ricker. 1987 und 2002 folgte Stefan Heberer, dazwischen leitete Gerhard Kaspar die Geschicke und seit fünf Jahren steht Akkordeonspieler Waldemar Pisalla mit Stefan Friedrich, Thomas und Uli Ricker an der Spitze. Zu einem Höhepunkt entwickelte sich das Abholen des Borschen, der anfangs von der Familie Moll, seit 1986 von „Kerbmutter“ Hedwig und ihrem Mann Reinhold Benner zu den Dietesheimer Nationalfeiertagen herausgeputzt wurde.

Zum runden Geburtstag übernahm deren Tochter Sonja die ehrenvolle Aufgabe und präsentierte ihren Traummann. Er trägt Drei-Tage-Bart, Zylinder, weißes Hemd und Jeans, hockt mit Fliege, Hosenträgern, Handschuhen und einer Flasche Bier auf dem schlichten Thron. Marc und Jan Stingel, Nick Zortea und Fabian Streb nahmen den Herrscher über die Kerb diesmal auf ihre Schultern und trugen ihn von Station zu Station. Nach dem Hof der Familie Benner, die auch frisch Gezapftes servierte, ging’s zum Haus des Kerb-Urgesteins Ewald Ricker, wo selbst gekelterter Äppelwoi auf die hohen Gäste wartete. Die Wingertstraße hinauf wartete die Familie Ries mit der nächsten Versorgungsstation, um die Ecke gab’s beim Kerbmacher Gerhard Kaspar die nächste Stärkung. Simone Meier, Mitorganisatorin der Kolping-Fastnacht, verteilte frische Schokoküsse, Reinhard Ricker vom Verwaltungsrat der Pfarrei und seine Familie hielten Bretzel bereit.

Dietesheim feiert Kerb: Bilder

Vorm Schwesternhaus bewies einmal mehr Stadtverordnetenvorsteher Harald Winter sein Geschick mit der Holzhammer-Methode, rammte den Hahn mit zwei beherzten Schlägen ins Freibier-Fass. Zuvor wurde der Borsch auf seinem Brauerei-Stuhl noch in luftige Höhen befördert. Vom ersten Fenster im ersten Stock des Schwesternhaus aus überwacht er bis zu seinem vorhersehbaren Abbleben morgen Abend die Dietesheimer Kerb. Spielte die Band Countdown zum Auftakt aktuelle Hits, brachten die Dixie Swingers Stimmung zum Frühschoppen nach dem Festgottesdienst. M.

Kommentare