Sondervorführung des Stadtmuseums: Einblick in das Leben vor Tausenden Jahren 

Die Werkzeuge unserer Ahnen

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Mit Kieselsteinen und Tierhörnern produziert Oliver Littmann aus Feuersteinen Messer, mit denen sich Fleisch und Knochen zerschneiden lassen. Die 200 Zuschauer der Sondervorführung des Stadtmuseums an der Hanauer Straße im Osten von Dietesheim schauten gebannt zu.

Mühlheim - Es ist nicht lange her, da feierte Mühlheim sein 1200-jähriges Bestehen. Doch auch Jahrtausende vor der ersten urkundlichen Erwähnung lebten dort schon Menschen. Von Stefan Mangold 

Für die frühgeschichtliche Abteilung des Stadtmuseums erklärten Hobby-Archäologen an der Hanauer Straße, welche Werkzeuge unsere Ahnen damals verwendeten. Richard Plackinger zeigt den Besuchern Pfeilspitzen aus der Jungsteinzeit. Die erstreckte sich von 5000 bis 2000 vor Christus. Plackinger und der ebenfalls anwesende Horst Becker gehören zu den sieben Männern, die 1970 begannen, in Mühlheim nach Zeugnissen früher Zeiten zu graben. Als gelernter Goldschmied war Becker prädestiniert, Abdrücke von Funden zu nehmen, wie die von den ausgestellten kleinen römischen Skulpturen.

Plackinger berichtet, wie er selbst zur Gruppe der Mühlheimer Archäologen stieß. Damals ging er mit seiner Frau Christa am Main spazieren. In Steinheim kamen die beiden mit Karl Kirstein ins Gespräch. Der grub gerade mit der Hoffnung in einem Loch, etwas aus der Römerzeit an das Tageslicht zu bringen. „Kirstein sagte, sie bräuchten noch einen Zeichner.“ Plackinger, technischer Zeichner von Beruf, interessierte das Thema sofort.

Bei idealem Herbstwetter erzählt der 73-Jährige den insgesamt über 200 Besuchern von einer besonderen Fundstelle ein paar Meter weiter, die mit einem abgesperrten Quadrat aus Banderolen auf der Wiese gekennzeichnet ist. Vor 39 Jahren gruben die Hobby-Archäologen dort und fanden ein Federmesser. Die Stelle entpuppte sich schließlich als einer der wichtigsten aus dem Spätpaläolithikum in ganz Europa, also aus der Zeit von 9000 bis 8000 vor Christus. Die Bewohner hatten dort unweit vom Main ihre Hütten und schlugen davor ihre Werkzeuge zurecht. Die Splitter der Feuersteine blieben liegen.

Der Prähistoriker Gerhard Bosinski grub hier zwischen 1977 und 1980 mit Studenten. Das lohnte sich mehrfach: Die Universität zu Köln ernannte den Mann am Ende der Arbeiten zum Professor. Plackinger blättert durch eine Magisterarbeit von Bosinkis Studentin Angela Rosenstein aus dem Jahr 1991, die sich mit den Mühlheimer Ausgrabungen beschäftigt: „Spätpaläolithische Funde am Unteren Main.“

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Die Kunst des Bogenschießens demonstriert Matthias Kiel auf der Wiese. Kiel erzählt vom ersten Fund des Waffentyps in Dänemark. Der ging als der rund 8000 Jahre alte „Holmegaard-Bogen“ in die Geschichte der Archäologie ein. Kiel baut Bögen ohne Firlefanz. Sie unterscheiden sich nicht wirklich von denen, die schon Tausende Jahre zuvor für die Jagd oder Konfliktaustragung zum Einsatz kamen. Ein Anfänger trifft damit die Scheibe eher zufällig. Für den Deutschen Vizemeister im berittenen Bogenschießen des Jahres 2009 stellt es kein Problem dar, aus 20 Metern die meisten Pfeile ziemlich mittig zu platzieren, auch wenn der 45-jährige gesteht, schon länger nicht mehr zu trainieren.

Seit 1994 hat Oliver Littmann ein besonderes Steckenpferd. Der Nieder-Rodener produziert Werkzeuge, mit denen sich bereits vor über 40.000 Jahren Fleisch zerschneiden und Knochenmark ausschaben ließen. Mit Kieselsteinen für die Grob- und Tierhörnern für die Feinarbeit produziert Littmann aus Feuersteinen etwa einen tropfenförmigen, von allen Seiten scharfen Micoque-Keil, „das Taschenmesser der Neandertaler“. Seinen Grundstoff sammelt der 46-Jährige an der Ostsee, „also hinter der Feuersteinlinie, die zwischen Hamburg und Dresden verläuft“. Die skizziert die auslaufenden Gletscher der letzten Eiszeit, die vor knapp 12.000 Jahren endete. Littmann hört am Klang, ob der Stein was taugt: „Nur jeder hundertste lässt sich bearbeiten.“ Dass sein Werkzeug funktioniert, weiß Littmann. Als gelernter Fleischer kann der Mann schließlich jedes Messer bei der Arbeit ausprobieren.

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