Was Werner Kempf über sein Leben erzählt

Bombendonner noch im Ohr

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Stadtführer-Legende Werner Kempf, hier mit Magda Kempf und Enkelin Hellen.

Mühlheim - Jahre zog Werner Kempf als Stadtführer durch Mühlheim. Der Ureinwohner klärte darüber auf, was es mit der Rialtobrücke auf sich hat oder warum Kaiser Ludwig I. das einstige Mulinheim inferior einem Kumpel schenkte, dem „Gelehrten Einhard“. Mit seinem 80. Geburtstag hörte Kempf auf. Von Stefan Mangold 

Im Laufe des Gesprächs stürmt Hellen ins Wohnzimmer, die siebenjährige Enkelin von Werner Kempf. „Du bist die jüngste und ich der älteste“, sagt der Opa lachend. Es hätte leicht passieren können, dass Hellen gar nicht auf die Welt gekommen wäre. Denn mindestens zweimal wäre der Großvater als Kind fast umgekommen. Er habe die Detonation der Fliegerbombe immer noch im Ohr, die fünfzig Meter vom Elternhaus an der Mainstraße in einem Garten einen Krater schlug. „Lieb Herrgottche, bitte helf!“, betete der Bub. Später hatten die Amerikaner schon Mühlheim besetzt, als Werner mit Nachbarjungs die Rodau entlang schlich, um die Pontonbrücke über den Main zu sehen. Es pfiff durch die Luft, bevor die Granate explodierte, ein Gruß von der Wehrmacht aus Hochstadt: „Wie die Hasen sind wir gerannt. Getroffen wurde keiner.“

Das Elternhaus nahmen Amis in Beschlag. Die Familie schlief im Keller und hatte Angst, die Soldaten könnten sich an den Frauen vergehen. „Alles ging gut“, blickt Kempf zurück, „bei uns wohnte auch ein Leutnant. Der passte auf.“ Sogar die zum Trocknen im Wohnzimmer hängenden Würste blieben unberührt.

Später gab es noch eine Zeit, da hätte er nicht damit gerechnet, einmal 80. Geburtstag zu feiern. Kempf spricht von seiner Operation mit 47 Jahren am offenen Herzen. Das Organ hatte ihm schon lange zu schaffen gemacht. Wer den mit 1,92 Meter für seinen Jahrgang außergewöhnlich großen Mann über die Historie Mühlheims sprechen sah und hörte, der kam nicht auf die Idee, jemandem zuzuhören, der mit der Pumpe kämpft. Da war sehr viel Herzblut dabei. Wahrscheinlich habe seine dennoch gute Konstitution an seinem Sport gelegen, vermutet der lange aktive Feldhandballer, der sich noch bestens an die heiß umkämpften Derbys zwischen Mühlheim und Dietesheim erinnert.

Ende der 50-Jahre spielte Kempf für Dietzenbach in der damals höchsten Spielklasse. Ein Name blieb ihm aus dieser Zeit besonders haften. Wenn es gegen Hainhausen ging, dann ahnte Kempf schon vorher: „Mehr als drei Tore werfe ich gegen Walter Branke nicht“. Wie der gegnerische Torhüter hieß, könnte er, selbst nachts um drei geweckt, immer noch sofort aufsagen.

So begann der Zweite Weltkrieg

Die Sportart spielt bis heute eine große Rolle in seinem Leben. Bei den Althandballern im Bezirk Frankfurt engagierte sich Kempf über Jahre. Auf seiner 80. Geburtstagsfeier am 1. März im Café Kinnel gratulierte deren Vorsitzender und Offenbachs Fastnachtsikone Charly Engert vor über 60 Gästen, ebenso Bürgermeister Daniel Tybussek und Karl-Heinz Stier, der Vorsitzende des Geschichtsvereins. Und natürlich Klaus Schäfer, zuständig für Kultur und Sport, über Jahre Ansprechpartner für Stadtführer Kempf, der nach seiner Pensionierung als Ingenieur „meiner Frau nicht auf den Wecker fallen wollte“.

Damals lief im Offenbacher Capitol das Musical Tommy. Gesucht wurden Fremdenführer, die Gästen im Rahmenprogramm das Schloss in Heusenstamm oder die Basilika in Seligenstadt zeigen. Kempf bewarb sich und absolvierte eine Ausbildung. Auf seinen späteren Wegen durch Mühlheim folgten ihm meistens Einheimische.

Gattin Magda Kempf wuchs in Dietesheim auf. Das Gasthaus „Zum Schwanen“ spielte für die Eheanbahnung eine Rolle. Magda erzählt vom Tanz am Sonntag, wenn die Handballspieler die Köpfe nach den Frauen reckten, um die Marktlage zu sondieren. Zwischen den beiden Ortsrivalen Dietesheim und Mühlheim kam es nicht selten zum genetischen Austausch. Werner Kempf ist sich in einem Punkt absolut sicher: „Die schönsten Dietesheimerinnen, die bekamen wir Mühlheimer.“

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