„Kaisersaal“ feiert 80-jähriges Bestehen

Kino in der dritten Generation

+
Sie prägten und prägen das Kino in Münster (v. l.): Dieter Müller, Willi Stork, Robert Herzing und Bettina Herzing-Müller.

Münster - Mit Freunden, Vereinen und ganz vielen Erinnerungen feiert das Kino „Kaisersaal“ sein 80-jähriges Bestehen. Bei einem Tag der offenen Tür wurden viele Erinnerungen wach. Von Jens Dörr

„80 Jahre Kaisersaal“: Wer aus diesem Anlass schließt, dass es seit genau acht Jahrzehnten Kino in Münster gibt, der liegt nur beinahe richtig. Lichtspiele in der Darmstädter Straße gibt es bereits seit 1934, also seit 82 Jahren. Seit 1936 aber steht der „Kaisersaal“ unter der Regie der Familie Herzing. Sie führt das, was einst Jakob Herzing begann, inzwischen in der dritten Generation weiter. Am Sonntag feierten die derzeitigen Betreiber Dieter Müller und Bettina Herzing-Müller mit einem „Tag der offenen Tür“ und vielen Freunden und Besuchern den für eine 14 000-Einwohner-Gemeinde längst eher seltenen Kulturbetrieb.

Mit von der Partie war am Sonntag auch Robert Herzing: Der Vater der heutigen Inhaberin Bettina Herzing-Müller führte den „Kaisersaal“ bis 1998, ehe seine Tochter und ihr Mann Dieter Müller (der den auch in dieser veränderten Reihenfolge korrekten Doppelnamen Dieter Müller-Herzing lediglich als Künstlernamen bei der GEMA führt, im Pass aber nur den Dieter Müller stehen hat) übernahmen. Wie Robert Herzing ließ sich mit Willi Stork zudem eine weitere, für Betrieb und Entwicklung des „Kaisersaals“ extrem wichtige Person den Besuch am Wochenende nicht nehmen: Willi Stork, heute 93 Jahre alt, der jahrelang nicht nur Filmvorführer, sondern die rechte Hand sowohl von Jakob als auch Robert Herzing war.

„Ein Nein gab es bei ihm nie“, lobte Robert Herzing den äußerst treuen Wegbegleiter. Seit 1939 führte Stork in Münster Filme vor. Den letzten präsentierte er vor fünf Jahren, was 2011 mit der Umstellung auf die Digitaltechnik einherging (wir berichteten).

Noch immer ist Stork „seinem“ Kino freilich treu. „Wenn bei uns ein neuer Film anläuft, lässt er es sich noch immer nicht nehmen, die Karten abzureißen“, sagte am „Tag der offenen Tür“ Dieter Müller, als er sich trotz vollen Programms zwischendurch Zeit fürs Gespräch mit unserer Zeitung nahm. Großer Respekt für die Lebensleistung Storks, aber auch der beiden vorherigen Inhaber Jakob und Robert Herzing schwang in seinen Worten mit.

Sind Sie ein Kino-Kenner? Die besten Filmzitate

Respekt, den auch Dieter Müller und seine Frau für ihren unermüdlichen Einsatz, eins der kulturellen Aushängeschilder Münsters am Laufen zu halten, verdienen. Dass der alleinige Betrieb des Kinos kaum zum Leben reichen würde, daraus macht das Paar kein Geheimnis. Man stehe aber auf mehreren Standbeinen. So ist Dieter Müller Klavierlehrer an der Darmstädter Akademie für Tonkunst. Einmal jährlich nimmt er sich eines Orchesterprojekts an. Zudem leitet er den Chor St. Sebastian in Eppertshausen.

Bettina Herzing-Müller hat die Federführung bei Restaurant und Gästezimmern inne, die ebenfalls ins „Kaisersaal“-Portfolio gehören und das kulturelle Angebot auch inhaltlich – etwa durch zum Film passende Speisen – ergänzen. Ihr Mann ist eher der Techniker und übernimmt zudem im Büro viele Aufgaben.

Dabei ist auch die Zusammenarbeit mit den Filmverleihen die Sache Müllers. Nicht immer ein Vergnügen, wie er unumwunden zugibt: „Grundsätzlich kriege ich alle Filme, seit der Digitalisierung auch noch schneller als vorher. Allerdings sitzen die großen Multimedia-Konzerne sehr auf dem hohen Ross.“ Das zeige sich an den Prozenten, die sie einem Kino wie dem „Kaisersaal“ abknöpften. Bei einem neuen Film könne das in der ersten Woche schon mal bis zu 53 Prozent des Ticketpreises sein. „Die kleinen Verleihe sind da kulanter.“ Nicht nur bei Angeboten wie dem von der Gemeinde unterstützten „Cinema Plus“ versuchen die Betreiber in Münster daher, auf Alternativen zu Disney und Co. zurückzugreifen – was das Programm oft wohltuend vom Einheitsbrei der großen Häuser abhebt.

Aus acht Jahrzehnten „Kaisersaal“, in dem die Leinwand lediglich von 1945 bis 1946 für ein Jahr unbebildert blieb, holten sich viele der Besucher am Sonntag Impressionen nicht nur in Gesprächen mit den Herzings, mit Müller und mit Stork; denn 110 Fotografien warteten in einer Ausstellung. Im Kinosaal hatte das Orchester des Musikvereins Münster unter der Leitung von Piotr Konczewski den Tag mit einer Matinée eröffnet. Am Nachmittag liefen drei Filme, gab es bei Kaffee und Kuchen ein Erzählcafé, konnten auch kleiner Saal und Gästezimmer besichtigt werden. Den Abschluss des Programms machte mit einer Soirée der Chor St. Sebastian.

Kommentare