Altheim feiert Kirchweih ohne eigene Hauptdarsteller

Kerbvadder und Borsche importiert

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Der evangelische Kindergarten war der Blickfang beim Kerbumzug.

Altheim - Im kleinen Ortsteil Münsters verstehen es die Bewohner, ihre Gemeinschaft groß zu feiern. Jetzt wieder unter Beweis gestellt bei der Kirchweih. Von Michael Just 

Viele Traditionsfeste sind bedroht, weil der Nachwuchs fehlt. Beim Altheimer Kerbumzug sah das am Sonntagnachmittag ganz anders aus: Auf einer Ladefläche winkten über 40 Kinder und neben dem Wagen liefen noch zahlreiche Eltern her. Farbenfroh geschmückt, avancierte der Wagen zum Mittelpunkt und Herzstück des Umzugs. Der evangelische Kindergarten beteiligte sich zum ersten Mal am Lindwurm. „Anlass war unser 50-jähriges Gründungsbestehen“, berichtete Einrichtungsleiterin Iris Kurz-Wolf. Erst vor einer Woche sei geklärt worden, wer mitfahren will. Am Ende füllten 40 der insgesamt 95 Kinder die hergerichtete Ladefläche.

Insgesamt bestand der Umzug aus zehn Nummern. Angeführt von Kerbvadder Jürgen Siebold, der in einer Kutsche fuhr, folgten die Feuerwehr mit Einsatzabteilung, Jugendwehr und Blasorchester, die Hauptstraßengemeinschaft, die Sänger des MGV, der Eintracht Fanclub, die Kerbburschen aus Harreshausen sowie der TSV.

Weniger Altheimer als sonst kamen dieses Jahr zum Kerbspruch. -

Die Hauptstraßengemeinschaft hielt auch diesmal etwas zu Essen parat und verteilte Zwiebelkuchen mit Federweißer. In der Vergangenheit hatte die Gruppe auf ihrem Wagen schon kleine Steaks gegrillt und weitergereicht. Der MGV war in bunte Kostüme geschlüpft und stellte historische Musikgrößen dar. Damit rührte der Verein nochmals die Werbetrommel für das Chorprojekt „Movie, Movie – Als die Töne laufen lernten“. Am 1. April kommt es mit zahlreichen Evergreens aus Film und Musical zur Aufführung. Ebenfalls eine große Kinderschar bot der TSV Altheim auf: In den Farben blau-weiß waren alle Generationen des Vereins eingebunden. 2016 fungierte die Feuerwehr als Kerb-Ausrichter. Dabei wechselt sie sich mit dem TSV und dem Eintracht-Fanclub ab. Die Kerb begann am Samstag mit dem ordentlich besuchten Kerbantrinken im Feuerwehrhaus. Umzug und Kerbspruch schlossen sich am Sonntag an. Der Montagmorgen war geprägt vom Frühschoppen beim TSV, ab 15 Uhr ging’s weiter mit einer Kerbparty. Der Freundeskreis der „Vamps“ lud zusätzlich an zwei Abenden zum feierlichen Umtrunk an seine Hütte ein.

Da Altheim schon länger über keine eigenen Kerbburschen mehr verfügt, füllte diese Lücke erneut der Jahrgang aus Harpertshausen aus. Meist treten die Gäste aus dem Nachbarort als Schelme auf, wie der regelmäßig entwendete Kerbkranz beweist. „Trotzdem werden wir immer wieder eingeladen!“, mag ein fröhlicher Felix Schnur (18) kaum glauben.

Dass die Kerbausrichter über jede Verstärkung dankbar sind, zeigt sich nicht zuletzt an Kerbvadder Jürgen Siebold. Schon vor Jahren zog der 72-Jährige von Altheim nach Nordhessen in die Nähe von Eschwege. Trotzdem greifen die Feuerwehr und der Eintracht-Fanclub immer wieder gerne auf seine Dienste zurück. Denn zur perfekten Kerbvadder-Optik vereint Siebold noch die Gabe, pointenreich zu reimen. Die lustigen Begebenheiten in Altheim bekommt der ehemalige Werkzeugmacher geschickt. Am zweiten Oktober-Wochenende setzt er sich dann ins Auto und legt die fast 200 Kilometer nach Altheim zurück. Diesmal berichtete er über den Reißaus einer Kuhherde von ihrer Wiese. „Die wollten wohl weg, um Milchwirtschaft zu studieren“, orakelte Siebold. Ebenfalls verwunderlich: Die Putzfrau im Altheimer Feuerwehrhaus. Sie bekam den Hausschlüssel, auf dass sie zu den ihr passenden Zeiten wienern konnte. Trotzdem wurde über Wochen nicht geputzt. Eine Rückfrage ergab, dass sie eine Info vermisste, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit sie kommen soll. Da wurde wohl ziemlich aneinander vorbeigeredet. In den weiteren Geschichten kam ein Schirmherr abhanden und der Pinkel, eine grobkörnige Grützwurst, erreichte nicht rechtzeitig das Fest des TSV. Dessen Macher wollten unbedingt das Original aus dem Norden Deutschlands haben. Doch das Fress-paket des Lieferdienstes stand im Stau und sorgte für knurrende Mägen.

Archivbilder aus dem Jahr 2014

Altheimer feiern Kerb

Insgesamt waren es diesmal weniger Geschichten als sonst. „Die Altheimer sind brav geworden“, bilanzierte Siebold. Etwas enttäuscht war der Kerbvadder von der Resonanz beim Umzug, bei dem kaum Personen am Straßenrand standen. Auch beim Kerbspruch vor dem Gustav-Schoeltzke-Haus wirkten die Reihen ausgedünnt. So liegen die Hoffnungen für die Zukunft der Kerb auf der Jugend. Hier scheint allerdings noch reichlich Überzeugungskraft vonnöten: Zwar war es eine Freude, den Wagen des evangelischen Kindergartens anzusehen. Doch wie sich herausstellte, ist eine weitere Teilnahme 2017 nicht angedacht. Das Winken der Dreikäsehochs soll wohl eine einmalige Sache zum Jubiläum bleiben.

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