Kai Herd schliff beim Gemarkungsrundgang den Blick für das Unscheinbare

Münsters Schätze liegen im Detail

+
Haus mit Geschichte: Die Bahnhofsstraße 22

Münster - 200 Teilnehmer folgten kürzlich Kai Herd vom Heimat- und Geschichtsverein bei einem Gemarkungsrundgang durch Münster und lernten: Die Gemeinde hat – anders als von vielen Bürgern vermutet – allerhand historische Bauten, darunter sogar echte Schmuckstücke, zu bieten. Man muss nur genau hinsehen. Von Michael Just 

Referenten wollen, dass man ihnen zuhört. Meist achten sie darauf, bei welchem Thema am meisten die Ohren gespitzt werden. Kai Herd, der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, konnte am Sonntagnachmittag beim Gemarkungsrundgang der Gemeinde Münster im Anschluss eine klare Antwort geben, bei welchen seiner Ausführungen er die meiste Aufmerksamkeit erfuhr: „Es war in der Bahnhofstraße, als es um arme und reiche Bürger ging.“ Dort drückt ein altes, großes Klinkergebäude den wohlhabenden Status seines ehemaligen Besitzers aus. Fast zeitgleich ging die Gemeinde 1864 auf der gegenüberliegenden Straßenseite die ersten Unternehmungen im Sozialbau an. Die kleinen, verputzten Backsteinhäuschen von damals sind bis heute erhalten.

Nach dem großen Erfolg des historischen Gemarkungsrundgangs im letzten Jahr in Altheim, führten die Verantwortlichen im Rathaus die Idee fort und übertrugen das Erfolgskonzept auf Münster. Damit wurde der Gemarkungs- zwar zum Ortsrundgang, im Gegenzug ließ sich – nach der Begrüßung durch Bürgermeister Gerald Frank– aber viel Wissenswertes über die lokale Vergangenheit erfahren. Mit Kai Herd trat wie bereits in Altheim ein überaus kompetenter Experte auf, der die Inhalte in freier Rede gut veranschaulichte.

Zu Beginn widersprach er der gängigen Ansicht, dass Münsterer ihren Ort in Richtung Hergershausen, Dieburg oder Seligenstadt verlassen müssen, wenn sie Historisches betrachten wollen. Die Fehleinschätzung „Münster hat doch nichts“ widerlegte er umgehend: „Münster hat was. Die Feinheiten liegen aber im Detail.“ In seinen Rundgang baute er sieben Stationen mit Erläuterungen ein. Es hätten noch mehr werden können, wäre in den zwei Stunden nicht die Zeit davongeeilt. Los ging es am Bahnhof und von dort zur Langsmühle, die auch als Museum dient. Nach der Bahnhofstraße führte der Weg in die Schulstraße zum ältesten Haus in Münster, das vermutlich vor dem 30-jährigen Krieg (1618-1648) entstand.

Die katholische Kirche diente als Abschlusspunkt, von wo sich noch ein Blick auf das gegenüberliegende alte Schulhaus werfen ließ. Zum Abschluss kehrten die „Gemarkungsgänger“ wieder zum Ausgangspunkt am Rathaus zurück. Dort warteten Kaffee und Kuchen sowie heiße Würstchen. Alles wurde von der Gemeinde spendiert. Mit über 200 Teilnehmern blieb die Resonanz erneut groß und zu den Vorjahren konstant. Die Bauhofmitarbeiter schützten mit Fahnen und in Westen die Erkunder vor dem Verkehr. Nicht ganz glücklich war die Übertragung der Informationen: Zur Verfügung stand nur ein verzerrendes Megaphon und der Lautsprecherwagen der Feuerwehr, der immer mal wieder ein lautes Pfeifen verursachte. Bei einer Beteiligung von über 200 Bürgern würde eine mobile Mikrofonanlage sicherlich bessere Dienste leisten.

Denn wie sich in der Bahnhofstraße zeigte, wollen die Teilnehmer möglichst viel von den Erläuterungen mitbekommen. Der Bau mit der Hausnummer 22 kam einst als kleiner Palast daher, der mächtig Eindruck machen sollte. Die farblichen Unterschiede der Klinkersteine untermalten diesen Zweck. Damals bot darin ein Laden mit Kolonialwaren seine Produkte an. Direkt gegenüber entstand der Kontrast: Um Verarmung oder Abwanderung vorzubeugen, errichtete die Gemeinde 1864 die ersten Sozialbauten im Ort. Den Besitzern wurde damals die Möglichkeit eingeräumt, dass sie ihre Häuser 16 Jahre lang abbezahlen können. Das Projekt lief bis 1880.

Moret-Triathlon in Münster

Beim Eintauchen in die Geschichte blieb der alte Münster Ortskern nicht außen vor. Hier befinden sich derzeit eine ganze Reihe von Häusern in einem beklagenswerten Zustand. Einige stehen sogar ganz leer. Wie Bürgermeister Gerald Frank erläuterte, laufen im Rathaus Bestrebungen, wie man den alten Ortskern attraktiver gestalten kann. Zuerst müsse aber geklärt werden, wo es Leerstand gibt und welche Potentiale für eine Sanierung vorhanden sind. „Das geht natürlich nur in Zusammenarbeit mit den Eigentümern“, weiß Frank. Unterstützend böten sich Förderprogramme zur innerörtlichen Entwicklung und zum Stadtumbau an. Die wolle man nutzen, auch weil sich darüber Zuschüsse generieren lassen. Mit diesem neuen Schwerpunkt verbindet der Bürgermeister parallel das Ziel, dem scheinbar unaufhaltsamen Flächenverbrauch mit der Umwandlung von Äckern und Grünflächen in neue Baugebiete Einhalt zu gebieten. Alternativ soll mehr Wohnraum durch Verdichtung im Ortszentrum entstehen. „Dabei lässt sich optional doch auch in die Höhe bauen“, so Frank.

Kommentare