Bewährungsstrafe für 60-jährigen Isenburger

„Seine Spielsucht ritt ihn rein“

Neu-Isenburg - Die Staatsanwältin wirft einem Isenburger am Montagnachmittag vor dem Schöffengericht in Offenbach vor, am Arbeitsplatz gewerbsmäßig Geräte für die Reparatur von Autos gestohlen zu haben. Der Schaden: 60.000 Euro. Von Stefan Mangold

Der 60-Jährige gesteht und erzählt von seiner Automatenspielsucht. Am Ende verurteilt ihn Richter Manfred Beck zu zwei Jahren Haft auf Bewährung. Rechtsanwalt Sylvio Schaary teilt am Anfang der Verhandlung mit, der Angeklagte räume zwar die 15 Diebstähle zwischen Juni 2014 und August 2015 ein, einen strafverschärfenden gewerbsmäßigen Charakter sehe er nicht. Aus dem Mailverkehr von damals lasse sich ablesen, „er wollte immer wieder aufhören, doch seine Spielsucht ritt ihn rein“.

Der Hintergrund: Der Angeklagte wurde von einem Bekannten angesprochen, ob er ihm entsprechende Teile verkaufen könne. „Ich habe das erst abgelehnt“, erklärt der Mann, der angespannt wirkt. Angefangen habe es damit, dass er Software vom Firmenrechner kopierte. Dann kamen die Geräte hinzu. Alles kam schließlich raus, als der Bekannte anfing, die Ware über Ebay anzubieten.

In Neu-Isenburg sei er immer in dieselbe Spielothek gegangen. „Ich fühlte mich wohl, bekam meinen Kaffee“, berichtet der Angeklagte. Schon lange habe er sich von Geldspielautomaten angezogen gefühlt. Damals sei die Sucht eskaliert. In einer Verhandlungspause erzählt er, wie ihn sporadische Gewinne auch nicht dazu bringen konnten, es wenigstens vorübergehend gut sein zu lassen, „du machst immer, immer weiter“. Gegenüber seiner Firma habe er sich lausig gefühlt: „Ich empfand doch Loyalität.“ Vor zwei Jahren kam hinzu, dass er in Kurzarbeit musste: weniger Geld, mehr Zeit und der Bekannte, der ständig neue Ware forderte.

Richter Beck stellt klar, der BGH spreche nicht von Spielsucht, sondern von Spielleidenschaft. Was bedeutet, der Druck, Geld in den Automaten zu werfen, ist nach Ansicht des höchsten Gerichts nicht mit dem vergleichbar, sich einen Schuss setzen zu müssen oder eine Flasche Korn zu kippen. Der Angeklagte betont, er sei in der Sache beim Hausarzt gewesen, beim Suchthilfezentrum, auch beim Psychologen. Der habe diagnostiziert, eine ambulante Therapie reiche nicht, bei ihm helfe nur eine stationäre für drei Monate: „Leider habe ich mich um alles erst viel zu spät gekümmert.“

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Von den 60.000 Euro Schaden habe er nur einen geringen Teil einstecken können, beteuert der Isenburger. Von seinem Bekannten sei er mit Beträgen zwischen 50 und 150 Euro abgespeist worden, „insgesamt waren das zwischen 3000 und 5000 Euro“. Der Angeklagte ist vorbestraft, hat Knasterfahrung wegen bandenmäßigen Diebstahls in zwei Fällen. Die letzte einschlägige Verurteilung liegt allerdings 23 Jahre zurück. Er habe damals das Abenteuer gesucht. Dafür bekam er 30 Monate Haft.

Anfang der 90er Jahre hatte er wegen Suff am Steuer seinen Führerschein verloren und später nie wieder erworben. Die nächsten Jahre stand er mehrmals wegen Fahrens ohne Schein und fahrlässiger Körperverletzung durch einen Unfall vor Gericht. Immer bekam er Bewährung. Seit er in der Firma seinen Job angetreten hatte, interessierte sich für 13 Jahre kein Ermittler mehr für ihn.

Die Staatsanwältin fordert 30 Monate Haft; auch wegen der entsprechenden Vorstrafen, auch wenn die lange zurücklägen. Der Verteidiger findet, 20 Monate mit Bewährung reichen. Beck begründet die Bewährung für die zwei Jahre Haft wegen gewerbsmäßigen Diebstahls samt 300 Arbeitsstunden, Bewährungshelfer und Verpflichtung zur stationären Therapie damit, „die Aussicht, mit 60 Jahren nicht mehr ins Gefängnis zu wollen, die reicht als Druck auf Sie aus“.

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