Christopher Radtke im Interview

Bilanz und Ausblick nach dem Abschied von den Flüchtlingen

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Christopher Radtke

Neu-Isenburg - Der Gravenbrucher Christopher Radtke, 31, hat als Hotelfachmann im Grand Hotel im Hessischen Hof in Frankfurt gelernt, war im Kempinski-Hotel in Gravenbruch, hat für die Kette eine Nobelherberge im chinesischen Huizhou mit aufgebaut und hat privat spannende Länder wie die Ukraine oder Ruanda bereist.

Als stellvertretender Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in der Rathenaustraße gehörte er fast von Anfang an (Dezember 2015) zu dem Team, das in Neu-Isenburg Flüchtlinge aus der ganzen Welt betreut hat. Fast genau zwei Wochen auf den Tag, nachdem alle Menschen das alte Druckereigebäude verlassen haben, sprachen wir mit ihm über seine Erfahrungen.

Was hat Sie dazu bewogen, sich für eine Stelle in der Flüchtlingsunterkunft zu bewerben?

Ich hatte in der Zeitung davon gelesen, dass Neu-Isenburg die Unterkunft bekommt. Ein Freund von mir hat sich gleich beworben, da war ich am nächsten Tag aber gerade auf dem Weg nach Südkorea. Als ich zurück war und ich meine Kündigungszeiten eingehalten hatte, hat es dann aber doch noch geklappt. Meine Motivation für diese Aufgabe kam aus dem Bedürfnis heraus, dass ich etwas für diese Menschen tun muss. Ich bin seit vielen Jahren aktiv in der Kirchengemeinde in Gravenbruch, ich mag es einfach mich einzubringen und jetzt gab es sogar die Möglichkeit, das beruflich zu tun.

Was waren die schönen Erfahrungen und welches die weniger schönen Erfahrungen in dem Camp?

Die schönen Seiten haben definitiv überwogen. Ich kann es nicht unbedingt an einem Erlebnis festmachen, es sind die vielen kleinen Dinge gewesen, die einfach toll waren. Ein Beispiel: Wir haben ein Kinderfest organisiert und dafür eine Hüpfburg aufgebaut. Diese Augen von den Kindern, die zum ersten Mal eine Hüpfburg sehen, aber doch sofort wussten, um was es geht – das war faszinierend. Dazu kommen natürlich ganz viele alltägliche Begegnungen. Ich habe oft beobachtet, wie die Leute bei der Ankunft aus dem Bus gestiegen sind und völlig erschöpft waren, zum Teil verängstigt und von der Ungewissheit belastet. Es war dann schön zu sehen, wie sie sich nach wenigen Wochen erholt haben. Ich habe sie in der Einrichtung getroffen und sie hatten wieder Hoffnung geschöpft, sind ein Stück weit angekommen. Diese Menschen über Monate zu begleiten ist ein sehr schönes Gefühl, das ich auch nach wie vor habe. Schwierige Momente gab es natürlich auch.

Wenn 700 Menschen auf engem Raum leben, gibt es auch mal Schwierigkeiten – die sind bei uns aber wirklich im Rahmen geblieben. Es gab eine größere Geschichte, bei der sich eine größere Gruppe auf die Nase gehauen hat. Das war eine Massenschlägerei in der Nacht, es war Alkohol und Provokation im Spiel – das ist natürlich nicht schön, aber das ist danach nie mehr vorgekommen. Es gibt natürlich auch kleine Enttäuschungen, wenn Menschen nach vielen Monaten noch immer nicht Danke auf Deutsch sagen können. Und das, obwohl das Angebot durch den hervorragenden Einsatz von Ehrenamtlichen bei uns riesig war, Deutsch zu üben. Aber das waren absolut Einzelfälle. Viele haben sich auch extrem reingekniet und wir konnten schon nach kurzer Zeit auf Deutsch kommunizieren.

Dienstag sind die letzten Busse nach Frankfurt abgefahren – dann war die Einrichtung plötzlich leer. Wie war die Stimmung unter den Mitarbeitern?

Wir haben uns dann beim Aldi ein paar Flaschen Sekt gekauft und erst einmal auf die tolle Zeit angestoßen, die wir gemeinsam hatten. An diesem Tag ist tatsächlich nicht mehr viel passiert, wir haben in der Sonne gesessen, wir haben mit den Kollegen gesprochen. Der Tag der Verabschiedung war ja sehr emotional, viele Leute sind mit Tränen in den Augen in die Busse gestiegen. Wir haben dann erst einmal versucht, uns wieder zu sammeln. Wir haben über die Monate intensive Beziehungen gepflegt, waren in einer Extremsituation rund um die Uhr zusammen, haben vieles besprochen. Am nächsten Tag ging es dann morgens in die Unterkunft und es war erschreckend, wie ruhig es dort war. Wir haben angefangen, nach und nach abzubauen, die Behausungen aufzulösen. Die gebauten Kabinen waren zum Teil mit Teppich ausgelegt, die Leute hatten sich aus Europaletten Regale gezimmert und wir haben auch viele Reste, Klamotten, Töpfe und Fahrräder gefunden. Wir haben sortiert, was noch weiter zu verwenden ist, haben an die Altkleidersammlung gespendet, Feldbetten an die Feuerwehr weiter gegeben. Wir werden jetzt die Kleiderkammer noch einmal öffnen. Für die geflüchteten Menschen in Isenburg, aber auch für Leute, die die Speisekammer besuchen, und für die Obdachlosenunterkunft. Uns ist durchaus bewusst, dass die bedürftigen Menschen hier bei uns vielleicht über die Flüchtlingsthematik so manches Mal in den Hintergrund gerückt sind. Es findet sich für fast alles noch Verwendung. Die Unterkunft ist jetzt weitgehend leer, wir sind noch jeden Tag dort, es gibt auch noch Administratives abzuwickeln. Die Sanitär- und Sanitätscontainer und die Bauzäune werden nächste Woche noch abgeholt. Ende Juli ist’s dann endgültig fertig.

Bilder: Einblicke in Unterkunft für Flüchtlinge in Neu-Isenburg

Wissen Sie schon, wie es für Sie persönlich weiter geht?

Nein, noch gar nicht. Ich würde sehr gerne in diesem Bereich weiter arbeiten. Der ASB verliert mit der Schließung von Langen, Neu-Isenburg und Offenbach auf einen Schlag ja sehr viele Mitarbeiter und es ist auch nicht ganz so leicht, alle sofort wieder unterzubringen. Aber ich habe die Hoffnung, dass sich in den kommenden Tagen und Wochen noch etwas tut. Wir haben uns auch – und da spreche ich jetzt nicht nur für mich, sondern für jeden Mitarbeiter – über die Monate ein Know-how angearbeitet, was es vorher so gar nicht gegeben hat. Es wäre ja schade, diese Kompetenz jetzt nicht weiter zu nutzen. Die Problematik ist ja weiter präsent. Es ist ja nicht so, dass es keine Kriege mehr gibt, keine Hungersnöte, und damit keine Flüchtlinge mehr. Die Grenzen sind nur dicht gemacht und es herrscht gerade ein „Schein-Ruhe“. Das kann sich ganz schnell auch wieder verändern. Wobei ich nicht erwarte, dass es noch einmal zu einer solchen Masse an Menschen kommt, die in unser Land möchte. Aber weltweit sind 50 Millionen Menschen auf der Flucht, die Hilfe suchen.

Die Flüchtlingsproblematik ist ein globales Problem, das uns noch viele Jahre beschäftigen wird. Das haben wir in Neu-Isenburg hautnah mitbekommen. Wenn wir mit den Menschen gesprochen haben, über die Situation in ihren Heimatländer, da ist es mir so manches Mal eiskalt den Rücken herunter gelaufen. Was muss man erleben, um eine so schwierige und gefährliche Flucht auf sich zu nehmen. Wir haben Menschen mit ganz schlimmen Brandverletzungen von Bomben gesehen, Menschen, denen Gliedmaßen fehlten. Es waren zum Teil schlimme Bilder, die ich auch so schnell nicht vergesse. Ganz abgesehen von der psychischen Belastung. Wenn ich Nachtschicht hatte, habe ich Kinder schreien gehört, die Alpträume hatten. Ich habe mit Menschen gesprochen, die wegen all ihrer Erlebnisse und Sorgen nicht schlafen konnten. Aber um zur Ausgangsfrage zurück zu kommen: Ich gehe davon aus, dass ich jederzeit wieder einen Job bekomme, und wenn es in der Hotellerie ist.

War die Einrichtung in Neu-Isenburg eine Besondere?

Ich denke schon (lacht). Wir galten ja auch immer als eine „Vorzeigeeinrichtung“ in Hessen. Was mit Sicherheit besonders war, ist der große Zuspruch aus der Bevölkerung, sich ehrenamtlich einzubringen. Viele Leute sind wöchentlich, manche sogar täglich bei uns gewesen, haben Programm für die Kinder gemacht, haben Wanderausflüge organisiert. Wir hatten viele Angebote für unsere Bewohner. Auch Sprachkurse. Die Spendenbereitschaft war riesig. Ob von den Bürgern oder den Firmen, die uns, um nur ein Beispiel zu nennen, die ganze Notbeleuchtung in der Einrichtung neu gemacht haben. Die Entscheidung zur Schließung war sicherlich letztlich eine politische.

Gibt es Kontakte mit Menschen, die jetzt nach Frankfurt ausgezogen sind?

Ja, die gibt es. Natürlich bin ich nicht über jedes Einzelschicksal auf dem Laufenden. Aber mit einigen bin ich in Kontakt. Ich weiß von einem Fall, der direkt nach einer Woche im Neckermann-Gebäude nach Neu-Isenburg transferiert wurde, eine andere Familie ist bereits nach Dietzenbach umgezogen. Das freut mich, weil ich wusste, dass sie gerne hier in der Gegend bleiben wollten. Ein Mann hat sich bei uns so eingebracht, den haben wir immer unseren Hausmeister genannt. Er hat schon in Afghanistan für eine Hilfsorganisation gearbeitet, musste fliehen, weil sein Leben bedroht war. Er hat sich bei uns von Tag eins bis zum Ende engagiert. Er hat 30 Männer für die Aktion „Frühjahrsputz“ zusammengetrommelt. Das war großartig. Diese Menschen sind in einer Notsituation und trotzdem bereit, sich für Andere einzusetzen.

Wir haben jetzt Feedback bekommen von den Bewohnern in Frankfurt, einige haben gesagt, sie wollen wieder zurück nach Isenburg, andere haben gesagt, es ist alles besser dort. Frankfurt ist, ebenso wie wir es gewesen sind, ja nur eine Übergangssituation. Sie werden hoffentlich bald in die Kommunen weitergeleitet, kommen dann dort auch an und finden Ruhe. Abschließend kann ich nur sagen, dass es eine spannende Zeit war und ich völlig fasziniert davon bin, wie hoch die Hilfsbereitschaft war und ist und in was für einer großartigen Stadt ich lebe. 

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