Neugier auf das Fremde

Deutsch-ägyptische Jugendbegegnung des evangelischen Dekanats

+
Alle, die sich in irgendeiner Form für den deutsch-ägyptischen Austausch engagieren: Jugendliche, Pfarrer, Betreuer und Gasteltern beim Begrüßungsempfang am Samstagnachmittag.

Neu-Isenburg -  Die deutsch-ägyptische Jugendbegegnung im Dekanat Dreieich hat Tradition. Seit Jahrzehnten besucht man sich. Im Moment halten sich die christlichen Glaubensbrüder aus dem Land am Nil hier auf. Von Stefan Mangold 

Bevor die Gäste aus Ägypten am Samstag eintreffen, decken der Praktikant Lukas Hofmann und Kirchenvorstandvorsitzender Dr. Andreas Friebel in der Evangelischen Kirchengemeinde Gravenbruch am Dreiherrnsteinplatz die Tische. Friebel vermutet bei der Frage, welche Rollläden wie und wann bei Sonnenschein offenstehen sollen, „Ägyptern wird es bei uns nicht zu warm“. Die beiden erwarten 14 Jugendliche, die der Gemeindepädagoge Joachim Reinhard und der Dekanatsjugendreferent Carsten Preuß vom Flughafen abholen. Die Tradition der deutsch-ägyptischen Jugendbegegnung im Dekanat Dreieich geht ins Jahr 1982 zurück und fußt auf den Kontakten von Dr. Tharwat Kades. Davon erzählt Dekan Reinhard Zincke, nachdem die Gäste eingetroffen sind. Für sie übersetzt Kades selbst, langjähriger Pfarrer an der Petrus-Gemeinde in Langen. Kades stammt aus Ägypten.

Nicht jeder Bundesbürger weiß, dass in dem Land am Nil mit der 5000 Jahre alten Geschichte nicht nur Muslime leben, sondern offiziell auch über elf Prozent Kopten, gemeint sind Christen. Faktisch dürften es mehr sein. Zum Vergleich: In Deutschland wohnen – hoch geschätzt – etwas über fünf Prozent Muslime. Davon, wie knapp die Geschichte manchmal an einer Katastrophe vorbeischrammen kann, erzählt Tharwat Kades. Wäre es so gekommen, wie Kades es annimmt, dann hätte die ein Jahr regierende Muslimbruderschaft einen Plan umgesetzt, die zehn Millionen Christen in Ägypten binnen drei Wochen aus dem Land zu jagen. Deshalb sei der Militärputsch von 2013 wohl auch die Rettung für die Jugendlichen im Saal gewesen.

Seit 1982 gab es 21 Austauschbesuche. Zwischendurch kam es zu zehn Jahren Pause, ansonsten fliegen die ägyptischen jungen Christen in einem Jahr nach Deutschland, im nächsten läuft es umgekehrt, falls es die politische Lage erlaubt. „Im Moment ist es ruhig“, weiß Pfarrer Kades. Gemeindepädagoge Joachim Reinhard besuchte auf die Art Ägypten schon neun Mal. Die jungen Kopten hätten die Vorstellung, in einem christlich geprägten Land wie Deutschland wären die Kirchen in jedem Gottesdienst knallvoll. Vor Ort wunderten sie sich, dass die Lücken in der Regel ziemlich klaffen.

Die Gäste im Alter von 14 bis 25 Jahren kommen die ersten Tage in Isenburg, Dreieich und Langen in Familien unter. Pfarrerin Barbara Friedrich trägt zur Begrüßung einen Vers aus dem Hebräer-Brief vor. Dort heißt es, man solle die Gastfreundschaft nicht vergessen, „denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“. Kollege Kades wirft ein, „man kennt sich nur, wenn man miteinander redet“. Aus der Entfernung werde aus dem Anblick eines Arabers schnell der Blick auf einen Terroristen.

Die nächsten Tage herrscht volles Programm. Auf dem Plan steht etwa der Besuch der Synagoge in Darmstadt, der reformierten Gemeinde am Marktplatz und der islamischen DITIB-Gemeinde an der Ludwigstraße. Ab dem 15. geht es für die Ägypter, die deutschen Jugendlichen und drei gut deutsch sprechende junge Frauen mit Flüchtlingsstatus aus Afghanistan und Syrien nach Bayern, samt Abstecher auf die Zugspitze und nach Neuschwanstein. Am 19. Juli startet in München der Flieger in die Heimat.

Dass die Jugendtreffen auch bleibende Kontakte bringen, beweisen Claudia Orzechowsky (24) und der musikalische Fady Beshay (26), der am Klavier das Lied zum Lobe Gottes begleitet, das die Kopten intonieren. Die beiden lernten sich 2009 beim Austausch in Ägypten kennen. Vor drei Jahren traten sie vor den Altar.

Kommentare