Drogenbesitz: Prozess endet mit Freispruch

Richter Beck stellt Polizisten in den Senkel

Neu-Isenburg - Diese Woche endet der zweite Prozesstag gegen einen Angeklagten aus Neu-Isenburg mit einem Freispruch vor dem Schöffengericht in Offenbach, obwohl wohl jeder annimmt, dass es stimmt, was der Oberstaatsanwalt ihm vorwirft: Drogenbesitz in einem nicht unerheblichen Maße. Von Stefan Mangold

Dem 26-Jährigen wirft der Ankläger, der den Fall kurzfristig von einer Kollegin übernommen hat, vor, am 24. Juni letzten Jahres am Isenburg-Zentrum mit knapp 100 Gramm Marihuana erwischt worden zu sein. Der Angeklagte lässt über Rechtsanwalt Mario Galvano erklären, er sei das nicht gewesen, es müsse sich um eine Verwechslung handeln. Der Hintergrund: Richter Manfred Beck erklärt, zweimal im Jahr organisiere die Polizei in Neu-Isenburg etwas, das sich dem Sinn nach anhört wie eine echte Drogenrazzia für Anfänger, für die Polizeischüler aus Mühlheim. Deren Vorteil liegt darin, örtlichen Dealern unbekannt zu sein. An dem Tag war im Hintergrund ein erfahrener Ermittler involviert. Der war sich sicher, einen Bekannten entdeckt zu haben. Weshalb der Polizist seinen jungen Kollegen, die am Südausgang Position bezogen hatten, per Funk mitteilte, ein Fischfang stehe bevor. Sie sollten einen arabisch aussehenden jungen Mann mit einer Jacke, auf der eine bestimmte Zahl steht, in Empfang nehmen.

Wie Beck dem Oberstaatsanwalt vom ersten Verhandlungstag erzählt, bescheinigte der Fahnder im Zeugenstand seinen jungen Kollegen ein gewisses Aufmerksamkeitsdefizit an dem Tag. Seine erste Durchsage hatte zu keiner Reaktion geführt. Erst, als der Vorgesetzte seiner Stimme Nachdruck verlieh, gingen die beiden jungen Beamten dem Verdächtigen nach. Dann, erklärt nun einer von ihnen, habe man den Verdächtigen von hinten mit „Hallo, stehenbleiben Polizei“ angerufen. Das führte zum Gegenteil. Der Mann gab Fersengeld und warf einen Beutel Marihuana über ein Carport. Daran fanden sich später weder Fingerabdrücke noch DNA. Ein Polizist suchte den Beutel, der andere blieb dran. Vergeblich. Der Flüchtende verfügte über enormen Speed.

Der Polizist im Zeugenstand stellt das Vorgehen als taktisch gewieft dar. Man habe ihn extra abseits des Geschehens angesprochen. Richter Beck entgegnet, zielführend sei es ja wohl gar nicht, von hinten jemand mit „Hallo, Polizei“ anzurufen, der schon ein paar Meter Vorsprung hat. „Weil sie so geschludert haben, müssen wir ihn vielleicht freisprechen“, stellt Beck den Zeugen in den Senkel. Der erklärt außerdem, er könnte nicht mit letzter Gewissheit sagen, dass der Angeklagte der Typ von damals sei.

Sicher war sich hingegen der Isenburger Polizist. Das Problem liegt jedoch darin: Der nicht unsympathisch wirkende Angeklagte hat einige Brüder, „die regelmäßig das Amtsgericht beschäftigen“, wie der Vorsitzende erwähnt. Alle sehen einander ähnlich. Auch der Angeklagte ist wegen Drogenbesitzes bereits mehrfach zu Geldstrafen verurteilt worden. Der Polizist meinte jedoch, den einen bestimmten an dessen Muttermal an der Schläfe erkannt zu haben, aus etwa zehn Metern. Beck bittet auf den Flur und schreitet die Entfernung ab. Das Muttermal lässt sich nicht erkennen.

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Der Oberstaatsanwalt hat dennoch keinen Zweifel an dessen Täterschaft. Drogenhandel lasse sich aber nicht nachweisen. Die knapp 100 Gramm hätten jedoch einen THC-Gehalt von 10,7 Prozent, rund zehn Gramm Wirkstoff, was die geringfügige Menge von 7,5 Gramm überschreite. Haschisch sei keine harmlose Droge, sondern eine, deren Konsum Schizophrenie und Hirnschädigungen bedinge. Er fordert 16 Monate Haft auf Bewährung. Anwalt Galvano argumentiert, nach einem BHG-Urteil von 1954 dürfe an der Identität kein Zweifel bestehen. Es wäre einfach gewesen, den mutmaßlich polizeibekannten Flüchtigen gleich bei der Meldeadresse aufzusuchen, um ihn anhand der auffälligen Jacke zu identifizieren. Das sei versäumt worden. Richter Beck betont bei seiner Urteilsbegründung, „es bleiben zu viele Zweifel“. Die Polizisten würden den Fehler sicher in Zukunft vermeiden. Dem Angeklagten gibt er mit auf dem Weg, „bleiben Sie sauber“. Der sagt höflich danke und auf Wiedersehen.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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