Schöffengericht hört von Ehepaar unterschiedliche Versionen

Freispruch vom Vorwurf der Vergewaltigung

Neu-Isenburg - Vergewaltigung in der Ehe lässt sich nur selten leicht nachweisen. Meist steht Aussage gegen Aussage. Manchmal schwingt der Verdacht mit, die Frau könne sich rächen oder wolle im Streit um Sorgerecht punkten. Von Stefan Mangold 

Im Prozess gegen einen ehemaligen Isenburger schließt sich der letzte Punkt von selbst aus. Am Ende heißt es dennoch: „In dubio pro reo.“. Im Fall, den Richter Manfred Beck vor dem Schöffengericht in Offenbach verhandelt, wirft die Staatsanwältin einem 33-Jährigen vor, in der Nacht auf den 16. März 2015 seine gleichaltrige Frau in Neu-Isenburg mit dem Einsatz von Gewalt genötigt zu haben, „sexuelle Handlungen an ihm vorzunehmen und sie an sich zu erdulden“. Der Angeklagte soll sie durch Würgen und zwei Schläge ins Gesicht zum Oral- und Geschlechtsverkehr gezwungen haben. Mittlerweile wohnt der sportlich wirkende Mann nicht mehr in Isenburg. Ein Scheidungsverfahren läuft. Anwalt Rainer Schmid verteidigt ihn. Der Angeklagte bestreitet die Tat. Er habe zwar damals sexuell mit seiner Frau verkehrt, jedoch auf ihr Verlangen hin. Ab Mittag habe es heftigen Streit gegeben. Besonders was dann passierte, stellen die Ehepartner gänzlich unterschiedlich dar. Seine Frau habe zwei Flaschen Schaumwein getrunken. Sie habe generell ein Alkoholproblem. Sie komme täglich um 14 Uhr von der Arbeit und entkorke erst mal eine Sektflasche. Ihren Sohn aus erster Ehe weise sie dann oft genervt zurück. Richter Beck fragt nach, wie das Verhältnis zwischen ihm und seinem Stiefkind gewesen sei. Die Aussage deckt sich zumindest atmosphärisch mit dem, was später eine Zeugin beschreibt: Es sei schlecht gewesen.

Für Frauen, die in einem Prozess wie diesem aussagen, stellen die Fragen der Beteiligten zwangsläufig eine Pein dar. Auch jetzt. Es geht etwa um den Kauf eines Dildos. Der Stimulator steht im Kontext der Behauptung des Angeklagten, die leichten Hämatome rührten daher, dass seine Frau nach dem gemeinsamen Betrachten des Films „Fifty Shades of Grey“ nur noch harten Sex bevorzugte. Sie sei es gewesen, die nach den heftigen Streitigkeiten abends im Bett nach seinem Genital griff und später den Vibrator ins Spiel brachte. Die Frau verneint. Mitnichten stünde sie auf SM, Alkohol trinke sie nicht täglich und an dem Tag seien es keine zwei Flaschen, sondern drei Gläser Sekt gewesen, während ihr Mann drei Liter Weizenbier getrunken habe. Was die Details der am nächsten Tag bei der Polizei angezeigten Vergewaltigung betrifft, muss Richter Beck nach fast jedem Satz nachfragen.

Anwalt Schmid zweifelt, „dass sie während eines fünfstündigen Martyriums keine Chance hatten, zu entkommen oder beim Toilettengang die Polizei zu alarmieren“. Dem setzt die Frau entgegen, im Nebenzimmer habe ihr Sohn gelegen, der schon einmal gerufen habe, sie sollten leise sein. Sie habe gefürchtet, der Angeklagte könne ihm etwas tun. Am nächsten Morgen hätte sie von ihm wie am Abend verlangt, die Wohnung zu verlassen. Nachdem er mit ihrem Einverständnis und ihrer EC-Karte 600 Euro abhob, hätte er die Wohnungsschlüssel auf den Tisch gelegt.

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Die Nachbarin sagt aus, der Angeklagte habe bei ihrem Besuch, im Gegensatz zur Geschädigten, einen alkoholisierten Eindruck hinterlassen. Er habe ihr erzählt, ein Jahr vorher seine Frau vergewaltigt zu haben. Sie habe ihre Freundin darauf angesprochen, die meinte, dem sei eine Entschuldigung gefolgt. Die Staatsanwältin fordert drei Jahre und acht Monate Haft. Die Angeklagte habe glaubwürdig gewirkt, was die Polizistin auch für die damalige Anzeigenvernehmung bestätigt habe. Rechtsanwalt Schmid sieht das anders. Aussage stünde gegen Aussage. Für ihn sei klar: „Im Zweifel für den Angeklagten.“

Das greift auch Beck in seinem Freispruch auf. Der BGH verlange, „das Gericht muss absolut überzeugt sein“. Bilder von der medizinischen Untersuchung deckten sich nicht mit den Angaben der Zeugin, „es fehlen die Würgemale“. Die Schilderung der Tat habe auch nicht unbedingt so gewirkt, dass wirklich Erlebtes detailliert wiedergegeben wurde. Der Richter betont jedoch, „trotzdem kann es so gewesen sein“.

Rubriklistenbild: © dpa

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