Von Triumphen und Schicksalen

Das wandelnde Boxsport-Lexikon aus Neu-Isenburg

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Horst Gauß

Neu-Isenburg - Im Fan-Museum von Eintracht Frankfurt in der Commerzbank-Arena ging es bei einem Pressetermin nicht um Fußball. Von Stefan Mangold 

Der Neu-Isenburger Horst Gauß, Jahrgang 1937, einstiger Amateurboxer, nach wie vor dem Sport als Manager und Trainer des CSC Frankfurt verbunden und in der Hugenottenstadt in Sachen Boxsport eine Legende, stellte sein neuestes Buch vor. Der Titel: „Triumphe und Schicksale deutscher Boxer – Ein Streifzug durch die deutsche Boxsport-Geschichte“. Als einer der wenigen, die selbst nie geboxt haben, sitzt Richard Sturm im Publikum. Der 66-Jährige erzählt, wie er am 10. September 1966 den Kampf zwischen Mohammed Ali und Karl Mildenberger im Waldstadion sah – also heute vor einem halben Jahrhundert. Die Karte hatte 25 Mark gekostet. Ein Vermögen für den Lehrling. Trotz der Niederlage hatte Sturm das Gefühl, „da hat sich jede Mark gelohnt“.

Natürlich saß auch Horst Gauß bei dem Kampf im Stadion, wie anscheinend fast alle im Raum. Einer erzählt, sich über den technischen K.O. von Mildenberger in der zwölften Runde gewundert zu haben. Schließlich sei der Deutsche ständig nach vorne gestürmt. Von seinem weit entfernten Platz aus hätte er jedoch „die Nadelstiche Alis“ nicht erkennen können. Der Fight ging in die Boxgeschichte ein. Die Fachwelt hatte Mildenberger gegen den Weltmeister höchstens drei Runden gegeben. Hinterher sprach Ali vom „schwersten Kampf meines Lebens“. Wenn es heißt, „er hat seinen Gegner geschlagen“, ist das beim Boxen nicht nur Metapher. Auch die Verlierer schlagen ihre Bezwinger. Der beim Publikum beliebteste Kampfentscheid ist der Knockout, meist in Folge von Kopftreffern.

Niemals wären Randolph und Kurt Hombach aus Offenbach gegeneinander in den Ring gestiegen. Horst Gauß zeigt Bilder der eineiigen Zwillingsbrüder. Zu sehen sind zwei junge Männer, die sich optisch in der Liga von einem Alain Delon bewegen. Gauß erzählt, wie das Publikum johlte, wenn die Hombachs ihre Gegner mit harten Schlägen auf die Bretter schickten. Sie gewannen die Deutsche Meisterschaft im Welter- und Halbmittelgewicht. Auf einem Bild mit ihrem Trainer Walter Fischer blieb durch die klassische 70er-Jahre Perücken-Frisur samt Schnauzbart vom juvenilen Glanz der beiden jedoch nichts mehr übrig.

Trainer Fischer war einst Schwergewichtler beim FSV Frankfurt, erzählt Wolfgang Wawrzyniak, ehemaliger Boxer beim Bornheimer Verein, dessen Fahne der Mann als Tätowierung auf dem Unterarm trägt. Wawrzyniak, ein ähnlich wandelndes Lexikon des Sports wie Gauß, resümiert anfangs die Frankfurter Boxgeschichte nach dem Ersten Weltkrieg. Vorher war der Faustkampf gesetzlich verboten. In Frankfurt gab es den Profi Kurt Jost, der einmal gegen den Waliser William „Gipsy“ Daniels, der unter dem Sportlernamen „boxender Zigeuner“ firmierte, auf die Bretter ging und sich damit in bester Gesellschaft befand, „das passierte auch Max Schmeling“. Später führte Jost im Grüneburgweg einen Kiosk.

Große Kämpfe von Muhammad Ali

Horst Gauß, der 1964 zu den Gründern des Boxclubs CSC Frankfurt gehörte, beschreibt in seinem Buch eine Szene, die heute unvorstellbar wäre. Herbert Schilling gewann 1951 in Mailand den Titel des Amateur-Europameisters im Leichtgewicht. Bei seiner Rückkehr in seine Heimat Zeilsheim bejubelten den Mann rund 30.000 Menschen.

Gauß spricht auch über jene Boxer, die sich zuweilen selbst im Weg standen, wie Dieter Holm, der zwar „die Massen im Ring begeisterte“, sich jedoch unorthodox auf Kämpfe vorbereitete, indem er die Nacht davor durchsoff. Der CSC-Trainer nennt auch ein Beispiel für die Ungereimtheiten des Boxsports, den Kampf 1983 zwischen René Weller und einem gewissen James Ortega in der Frankfurter Festhalle um den „Weltmeistertitel“ eines der vielen unbedeutenden Verbände. Im Vorfeld sah Gauß Ortega trainieren, „das war kein Boxer, der konnte gar nichts“. Das bestätigte sich im Kampf, der in der ersten Runde sein Ende fand.

Gauß redet auch von Jean-André Emmerich, zweifacher Deutscher Meister im Superweltergewicht bei den Profis. Emmerich eröffnete nach seiner Karriere weder einen Kiosk noch eine Kneipe. Er wählte einen ganz anderen Weg: Der gelernte Kartograph lebt an der Bergstraße und arbeitet dort seit den 80er Jahren als Kunstmaler.

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