Horst Lichter sorgt mit „Herzenssache“ in der Hugenottenhalle für Lachtränen

Wenn beim Kochen Kalorien sterben

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Frank aus dem Publikum darf dem Fernsehkoch auf der Bühne assistieren und lernt von Horst Lichter gleich, dass ein kleiner Schluck Sahne durchaus eine Kanne voll sein kann ...

Neu-Isenburg - Warnung: Wenn Sie Vegetarier oder gar Veganer sind, derzeit eine Diät machen oder als Model Ihr Geld verdienen - lesen Sie auf keinen Fall weiter. Von Markus Schaible 

In den kommenden Zeilen geht es zwar um einen überaus lustigen Menschen mit einer außergewöhnlichen Geschichte, aber es geht auch um: Butter! Fleisch! Baileys! Und zwar nicht gerade in homöopathischen Dosen. Eher um das Gegenteil. „Ich will, dass es morgen hier in der Halle richtig fies nach Speck riecht!“ Horst Lichter stellt den Ventilator hinter dem Herd an und sofort breitet sich ein verführerischer Duft in der Hugenottenhalle aus. Ein Duft, von dem Lichter weiß, dass ihm selbst Vegetarier nicht widerstehen können. „Ich hatte schon welche, die sagten: Lieber Gott, lass es Blumenkohl sein.“ Fernsehköche, die mit eigenen Shows auf Tournee gehen, gibt es einige. Und dann gibt es Horst Lichter. Auch ein Fernsehkoch, aber darüber hinaus ein Mensch mit einem ganz großen Herz. Unter anderem deshalb heißt sein Programm wohl auch „Herzenssache“. Das ist, wenn man es ganz genau nimmt, nichts anderes als die Nacherzählung seines Lebens, zudem wird noch ein bisschen gekocht. Klingt nicht unbedingt spannend, aber Lichter wäre bestimmt nicht zum beliebtesten Fernsehkoch gewählt worden, wenn er daraus nicht einen überaus unterhaltsamen Abend machen könnte.

Der fängt so gar nicht lustig an: Vom Tod seines Erstgeborenen ist die Rede, von der Beerdigung seiner Mutter. Das ist unerwartet, aber authentisch. Lichter hatte kein einfaches Leben (Schlaganfall mit 26, Schlaganfall mit Herzinfarkt mit 28), doch die rheinische Frohnatur hat das Beste daraus gemacht. Weil der Mann, heute 54, über sich selbst lachen kann und dieses Lachen noch dazu überaus ansteckend ist, lacht bald der ganze Saal (in dem kaum ein Platz leer geblieben ist). Im Mittelpunkt steht die Gaststätte, die Lichter 1990 eröffnete und die später als Oldiethek berühmt wurde. Sein Kampf mit den „Gezüchteten“ (Beamten) um Genehmigungen, die Baumaßnahmen in Eigenarbeit (wie ist das Rezept für Beton?), die Gründung des Clubs „Die Spinner“ (um auch ohne Konzession an Clubmitglieder Speisen verkaufen zu können), sein erster Auftritt als Fernsehkoch (der prompt wieder die „Gezüchteten“ auf den Plan rief) - all das erzählt er nicht nur charmant, sondern so pointenreich, dass sich manch ein Kabarettist eine dicke Scheibe davon abschneiden könnte.

Apropos dicke Scheibe: Die Filets, die Lichter zwischendurch mit einem Hauch Knoblauch („maximal eine Zwiebel“) in den Ofen schiebt, sind genau das: dick. „Alles unter 400 Gramm ist Carpaccio“ - der Spruch steht ja auch auf den Schürzen, die es im Fanshop zu kaufen gibt. Aber der Koch weiß auch: „Früher durfte man noch Fleisch sagen. Heute gibt es Veganer, das ist eine neue Religion.“

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Eine Religion, der sich Lichter mit Sicherheit nie anschließend wird. Und so erkennt Opel-Arbeiter Frank, den er sich zum gemeinsamen Kochen aus dem Publikum holt, dass die Mengenangaben „eine Messerspitze Butter“ und „ein Schuss Sahne“ durchaus dehnbar sind. Genauso wie das mit dem Sherry in der Tomatensuppe: „Pro Teller ein Teelöffel. Kann man so machen ...“ Lichter nimmt lieber eine Suppenkelle voll ...

Aber dafür lernt das Publikum auch, dass platzende Blasen beim Kochen in Wirklichkeit sterbende Kalorien sind und Butter in der heißen Pfanne einfach verschwindet. Was übrigens auch verschwindet, ist das Obst im Nachtisch - unter einem „Schuss“ Baileys. Weil das nicht reicht, kommt noch ein „Schuss“ Cassis übers Eis und ein „Schuss“ Eierlikör über alles. Und das Publikum lacht Tränen. „Mein Leben war eine schnuckelige Achterbahn“, sagt Lichter ganz am Ende. Aber was er gemacht hat und wie er es gemacht hat, das war (und ist) für ihn Herzenssache.

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