Kerstin Garbe hilft Menschen, denen es schwer fällt, beruflich oder privat Grenzen zu ziehen

Nein sagen lässt sich lernen

Neu-Isenburg - Wenn Kerstin Garbe von Frauen spricht, die lernen sollten, souverän „Nein“ zu sagen, dürften manche erst mal einen sexuellen Kontext vermuten. Das ist es aber nicht, was die Vhs-Dozentin in erster Linie meint. Von Stefan Mangold 

Garbes Thema ist vor allem der Chef, der Kollege, der Gatte und wer auch immer, für den Frauen oft „freiwillig“ Aufgaben übernehmen, auf die sie liebend gerne verzichteten. Ein Kurs, den Garbe im November geben wird, nennt sich „Sag’s positiv – souverän Nein sagen!“ Der ist zwar im Programm der Volkshochschule nicht nur für Frauen ausgeschrieben, doch aus Erfahrung weiß die studierte Betriebswirtin, „es werden nur Frauen kommen“. Was gar nicht mal daran liegt, dass Männern das Problem prinzipiell nicht eigen ist. Doch die neigen überwiegend dazu, erst dann zum Arzt zu gehen, wenn sich eine physische Malaise partout nicht mehr leugnen lässt. Seelische Probleme werden lieber gänzlich geleugnet. Generell beobachtet die psychologische Beraterin, „dass Frauen es gewohnt sind, wesentlich persönlicher miteinander zu reden“.

Wann wäre ein „souveränes Nein“ angebracht? Garbe beschreibt das gar nicht so imaginäre Beispiel einer Frau im Büro, die für die anderen stets den Kaffee kocht. Die Kollegen haben sich längst an den Zustand gewöhnt, den sie ohne jeden bösen Willen als selbstverständlich empfinden. Gesprochen wird darüber nicht. Die Dauerkaffeekocherin wider Willen brodelt jedoch innerlich, traut sich aber nicht, etwas zu sagen. An so einer Stelle setzt das Training von Garbe an, wenn es darum geht, einen subjektiv unendlich schweren Schritt, der objektiv so leicht erscheint, nicht nur in der Fantasie umzusetzen. Schließlich geht ein ‘mach ich nicht mehr’ phonetisch ganz locker über die Lippen. Das Problem liege jedoch in der, zumindest angenommenen, Erwartungshaltung der anderen, „der Gedanke, die zu enttäuschen, der kostet Überwindung“.

Garbe rät, es „mit einem Lächeln im Gesicht“ zu probieren, im Sinn von ‘Ich würde auch gerne mal DEINEN Kaffee probieren’. Das gleiche gelte im Umgang mit dem Chef, der es bis jetzt nicht anders kennt, als dass seine Mitarbeiterin auch nach Feierabend jede auferlegte Arbeit erledigt. „Der Lernprozess liegt auch darin, den Moment der Ungewissheit auszuhalten, das Risiko einzugehen, ‘der andere ist vielleicht sauer’“.

Die wichtigsten Notruf-Nummern

Am besten sei es natürlich, wenn sich in einer Beziehung – welcher Art auch immer – von vorne herein gar nichts anstaut. Weshalb es sich etwa für Paare, die zusammen ziehen, empfehle, gleich zu Anfang zu verbalisieren, „dass man nicht gewillt ist, im Schlafzimmer ständig die Socken des anderen aufzuheben“. Es empfehle sich, auch Freunden schnell klar zu machen, wenn einem am anderen etwas nicht passt, das von der Ausnahme zur Regel zu werden droht. Dazu gehört etwa, die Freundin anzusprechen, mit ihr und nicht mit ihrem neuen Partner befreundet zu sein, wenn die zu Verabredungen plötzlich nur noch mit dem neuen Mann an der Seite erscheinen will. 

Zu den Kursen, die Garbe an der Vhs gibt, melden sich im Schnitt zwischen acht und zwölf Frauen an. Steif dürfte es dabei kaum zugehen. Die Dozentin versteht es, ihre Fallbeispiele humorvoll darzustellen. Als oberstes Gebot gelte für alle Teilnehmer das selbe Prinzip wie für sie selbst: „Was jemand von sich in der Gruppe erzählt, dringt nicht nach außen.“ Alle Infos zum neuen Vhs-Programm gibt es im Internet: www.vhs-neu-isenburg.de

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