Fürs Rektoren-Paar Marx beginnt heute der gemeinsame ruhelose Ruhestand

Lehrer aus Leidenschaft

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Günther Marx ist einer, der immer daran denkt, dass hinter einer großen Leistung oft Gruppenarbeit steckt: Schüler und Lehrerkollegen der Offenbacher Nell-Breuning-Schule haben ihrem langjährigen Schulleiter diese Woche einen herzlichen Abschied bereitet – samt „Super-Marx“-Fahnen.

Neu-Isenburg - Von heute an machen die beiden radelnden Rektoren ihren eigenen Stundenplan: Maria Sator-Marx war bis Ende Januar Schulleiterin, Günther Marx bis gestern. Von Barbara Hoven 

Doch Langeweile steht bei dem Paar, das vier Kinder und sieben Enkel hat und auch wegen seines politischen Engagements bei den Grünen und seines Einsatzes auf vielen Ebenen des Isenburger (Vereins-) Lebens im besten Sinne bekannt ist wie der sprichwörtliche bunte Hund, nicht zu befürchten. Bei seiner Verabschiedungsfeier an diesem Dienstag, gesteht Günther Marx, da habe er mehr als ein einsames Tränchen verdrücken müssen. „Die Kinder haben ein Abschiedslied gesungen, ein Junge brach weinend ab, da haben wir alle geflennt“, sagt er. Viele Weggefährten seien ins Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrum auf der Offenbacher Rosenhöhe gekommen, und Kollegen und Schüler legten sich mächtig ins Zeug, um ihm Danke zu sagen. Bei Förderschulrektorin Maria Sator-Marx, die zehn Jahre lang die Sachsenhäuser Wallschule leitete, war das vor einem halben Jahr nicht anders. „Unsere Verabschiedungen waren beide sehr liebevoll gemacht; und weil wir beide eigentlich schweren Herzens gehen, macht’s das etwas leichter“, sagt Marx. 16 Jahre lang leitete er die Oswald von Nell-Breuning Schule, die er 1999 mit gründete.

Gemeinsam dem neuen Lebensabschnitt entgegen: Maria Sator-Marx und Günther Marx.

Sie ist die Tochter zweier Schulleiter, er der Enkel eines bekannten Isenburger Pädagogen – die Marx sind eine Lehrer-Dynastie. „Isenburger über 80 kennen meinen Opa alle, sie sind fast alle beim Lehrer Heupt zur Schule gegangen“, erzählt Günther Marx. Und seine Mutter sei eine der ersten Frauen gewesen, die an der Goetheschule Abitur machten. Wie außergewöhnlich das damals, um 1940 herum, war, zeigt ein skurriler Fehler auf ihrem Abi-Zeugnis: „Herr Ottilie Heupt“ steht da, „einen anderen Vordruck gab’s damals offenbar nicht“. Seit fast vier Jahrzehnten lebt das Paar, das so gut wie jeder in Isenburg von vielen Begegnungen kennt, zusammen, seit 1983 mit Trauschein. „Wir führen quasi eine Mischehe“, sagt Marx. „Meine Frau stammt aus Offenbach und hat eine Schule in Frankfurt geleitet, ich stamme aus Frankfurt und war Schulleiter in Offenbach.“ Auch kennengelernt haben sich die beiden in einer Schule: Er fing bei ihr 1978 an der Offenbacher Pestalozzischule als Referendar an, sie war dort musisch-technische Fachlehrerin.

An der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt kommen viele solcher alten Erinnerungen hoch. Besonders köstlich sei gewesen, erzählt Sator-Marx, dass Schulamtsdirektor Peter Bieniussa bei der Abschiedsansprache für ihren Mann aus einem Gedicht zitiert habe: Es sind besondere Verse, geschrieben 1983 von einem damals arbeitslosen 32-jährigen Marx, der Bestandteil jener „Lehrerschwemme“ war, die an den Unis produziert worden war, die Schulen jedoch nicht erreichte. Immer wieder hatte er sich beworben. Doch als er nur Absagen erhielt, versuchte er es mit einem poetischen Stellengesuch direkt an den Regierungspräsidenten. Als „Bittbrief eines arbeitslosen Lehrers“ waren die Verse unserer Zeitung damals einen großen Artikel (Foto oben) wert. Denn lesenswert war’s allemal, auch wenn das Gedicht an der Arbeitslosigkeit nichts änderte.

Vier Jahre lang fand Marx keine Lehrerstelle. Doch statt umzusatteln, wie es viele Studienkollegen machten, bildete er sich weiter, belegte auch einen Türkisch-Kurs. Seine Sprachbegabung führte 1984 zur Anstellung als Lehrer im Ausländer-Sonder-Programm an der Dietzenbacher Heinrich-Mann-Schule, „100 Prozent Starkenburgring, das war damals in der Zeit schon ne harte Nummer“. Es folgte die Stufenleitung an der Offenbacher Brüder-Grimm-Schule in der Sonderschule für Lernhilfe, ab 1996 die Leitung der Erziehungshilfe-Abteilung an der Ludwig-Dern-Schule. 1999 schließlich wurde er mit einem Pilotprojekt betraut: Zusammen mit Peter Eckrich gründete er die Nell-Breuning-Schule (NBS) – eine Förderschule für Erziehungshilfe und Kranke, die auf Gymnasialniveau arbeitet.

Von Anfang an hat Marx die Geschicke dieser Einrichtung geleitet, deren Hochbegabten-Abteilung gar als bundesweit einzigartig gilt. Begonnen hatte er 1999 mit 20 Schülern und vier Lehrkräften. Heute sind’s 180 Schüler, 47 Lehrer, drei Schulabteilungen in Offenbach. Gab es Momente im Rektorenleben, wo er alles hinwerfen wollte? Sicher. Aber Marx ist keiner, der nachtragend hadert. Er formuliert seine Antwort so: „Die Kinder waren nie mein Problem; sondern wenn, dann lagen die Herausforderungen auf der Erwachsenenebene.“

Gestern hat der 65-Jährige zum letzten Mal Zeugnisse verteilt, ab heute ist offiziell Schluss mit dem Berufsleben. Was im neuen Lebensabschnitt kommt? Marx hält kurz inne. „Ich kann’s noch nicht so richtig sagen, das müssen wir jetzt rauskriegen.“ Doch wer das Paar kennt, weiß: Sie sind Leute der Tat – und müssen sich kaum darum sorgen, dass sie mit ihrer Pensionierung zu viel Zeit haben könnten. „Atemlos in Pension, bleibt sie immer in Aktion“ haben die Kollegen von Sator-Marx als Refrain für deren Abschiedslied gewählt.

Abitur und Schulabschluss: Klassenbilder aus der Region

Beide haben ein großes Herz für ihre Familie, die Kinder und Enkel, auch Hund Bruno gehört dazu. Fotos zeigen die Enkelschar im Sommer in Italien. Und wenn beide von ihren Posten in Politik und Vereinsleben erzählen, klingt’s nicht mal ansatzweise, als ob sie ihr Engagement bedauerten oder gar einschränken wollten. Im Gegenteil: Beide sind seit Jahrzehnten bei den Grünen aktiv, mischen außerdem bei der Schwarzen Elf mit. Sie engagiert sich mit Deutschkursen für Flüchtlinge, in der Gemeinde St. Josef, neuerdings auch im Vorstand des Vereins „Hilfe für ältere Bürger“.

Ihn kennt man auch wegen seines Postens als Vorsitzender der Spielvereinigung 03. Den habe Landrat Oliver Quilling auch bei der Abschiedsfeier thematisiert, verrät Marx. Quilling habe daran erinnert, „dass ich die Nulldreier in einer Zeit übernommen habe, wo das keiner gemacht hätte“. 1999 war das. Der Verein hatte viele Spiele, die Gemeinnützigkeit und am Ende wegen der finanziellen Misere die Hoffnung verloren. Marx wurde zum Vorsitzenden gewählt und schaffte es, alles wieder in ruhige Fahrwasser zu führen.

So gerne sich das Pädagogen-Paar in Isenburg engagiert, so freut es sich aber auch auf Reisen – zum Beispiel auf den Spuren „dieser braunen Schilder“. Gemeint sind die Tafeln entlang der Autobahn, die auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam machen. „Wir würden gern ein Wohnmobil kaufen, losfahren und gucken, was alles dahinter steckt.“ Auch ein bisschen Rückkehr zur Schule schließt Marx nicht aus. Schwimmen etwa, „eine meiner Lieblingsbeschäftigungen“, das würde er gerne weiter unterrichten.

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