Auf Jobbustour:

Pflege für das zarte Pflänzchen

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Hotelmanagerin Tina Boyke (Zweite von links) vom Holiday Inn in Neu-Isenburg erklärt jungen Flüchtlingen in einem Hotelzimmer, welche Aufgaben das Personal dort alltäglich zu erledigen hat. Auch Hana Assefa Bekele (links) hört interessiert zu.

Neu-Isenburg - Um die Mammutaufgabe zu stemmen, möglichst viele Flüchtlinge beim Weg in eine berufliche Zukunft zu unterstützen, wählt das gemeinsame Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge des Kreises Offenbach und der Arbeitsagentur auch ungewöhnliche Wege.

So gingen gestern rund ein Dutzend Zuwanderer auf Jobbustour, um vor Ort Kontakt zu Arbeitgebern zu knüpfen, die Personal suchen. Trotz Barrieren zeichnen sich erste Erfolge ab. Hana Assefa Bekele ist ihrem Ziel gestern ein Stückchen näher gekommen: Arbeiten in Deutschland, und zwar gerne in einem Hotel. Seit zwei Jahren und drei Monaten ist die junge Frau aus Eritrea nun in Deutschland, sie lebt jetzt in Neu-Isenburg. In ihrer Heimat war sie Buchhalterin, „derzeit habe ich keine Arbeit“, erzählt sie. Mit Interesse verfolgt Hana Assefa Bekele folglich, was Vertreter verschiedener Arbeitgeber ihr und den anderen Zuwanderern an Praxis-Einblicken in verschiedene Jobprofile bieten.

Am Kreishaus in Dietzenbach sind sie morgens gestartet, haben zunächst das Premier Inn an der Frankfurter Messe besucht, später die in Isenburg ansässige Firma Dachser und das Hotel „Holiday Inn Frankfurt Airport“ an der Isenburger Wernher-von-Braun-Straße. Dort sitzt die junge Frau nun am Mittag vor den Presseleuten und erzählt in recht gutem Deutsch, wie sehr ihr der Blick in den Hotelalltag gefallen habe.

Mehr als 5200 Frauen, Männer und Kinder sind seit Beginn der Flüchtlingskrise im vergangenen Jahr in den Kreis Offenbach gekommen. Ein Schlüssel, um diesen Menschen eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben zu geben, ist der Faktor Arbeit. Dass schnelle Erfolge bei der Schaffung von Jobchancen für Flüchtlinge nicht zu erwarten sind, weiß man längst auch beim Kreis. „Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt gleicht einem Marathon, und wir stehen gerade erst 100 Meter hinter der Startlinie“: Beim Pressetermin zur Jobbustour wählt Carsten Müller (SPD), Sozialdezernent des Kreises Offenbach, klare Worte. „Wir sind auf dem Weg, den einen oder die andere zu vermitteln, allerdings auf kleinem Niveau, aber es wächst“, spricht Müller von einem „kleinen, zarten Pflänzchen, das wir weiter pflegen und wachsen lassen wollen“. Das gelinge am besten im direkten Kontakt mit potenziellen Arbeitgebern. Und wichtig sei auch, den Neuankömmlingen einen möglichst genauen Überblick über die Arbeitswelt in Deutschland zu geben – da helfe der Besuch vor Ort enorm.

Und lässt sich der Erfolg bisheriger Aktionen dieser Art in Zahlen gießen? „Im Anschluss an die bisher zwei Jobbustouren konnten vier Flüchtlinge in Arbeit oder Ausbildung vermittelt werden“, berichtet Müller. Insgesamt konnte die Bundesagentur in diesem Jahr bislang 44 Flüchtlinge in Arbeit und Ausbildung vermitteln, 37 bekamen einen Praktikumsplatz. Die Spanne der Berufe reicht dabei von Bankkaufmann über den Anlagenmechaniker bis hin zum Lagerarbeiter oder Friseur. Über das Jobcenter des Kreises wurden 2016 bislang 202 anerkannte Flüchtlinge in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt – „darunter allerdings auch viele, die schon seit Jahren im Bezug sind“, ordnet der Sozialdezernent die Zahlen ein. 15 konnten eine Ausbildung beginnen, 74 ein Praktikum. „Die Zahlen wirken auf den ersten Blick eher bescheiden. Doch jeder vermittelte Flüchtling ist für uns ein Erfolg“, macht Müller deutlich. Denn die Voraussetzungen, die die meisten Flüchtlinge mitbringen, seien alles andere als optimal. Neben der Anerkennung ausländischer Abschlüsse verhinderten vor allem unzureichende Sprachkenntnisse und mangelnde Schulbildung oder Qualifikation, dass Flüchtlinge zügig eine Stelle finden. Die Arbeitsagentur rechnet zum Jahresende mit 350.000 arbeitslosen Flüchtlingen im Hartz-IV-System. Diesem Trend könne sich auch der Kreis nicht entziehen.

2 065 anerkannte Flüchtlinge beziehen derzeit im Kreis Offenbach SGB-II-Leistungen. 960 davon kamen in den Jahren 2015 und 2016 in Bezug. Es sei wichtig, kreativ zu sein, neue Möglichkeiten wie etwa die Jobbustour auszuloten und am Ball zu bleiben, um Flüchtlinge in echte Arbeit zu bringen. „Denn die Aufnahme einer Arbeit ist die allerwichtigste Voraussetzung für eine gelungene Integration“, so Müller. „Scheitern wir bei dieser wichtigen Aufgabe, schaffen wir uns in letzter Konsequenz kaum zu beherrschende, gesellschaftliche Probleme.“ (hov)

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