Eine Stadt macht Geschichte

Probenbesuch bei einem Theaterprojekt von und mit Neu-Isenburgern

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Für das Projekt hatten sich im Januar theaterbegeisterte Laien zusammengefunden – bei den Proben im Alten Ort geben sie schon jetzt Vollgas.

Neu-Isenburg -  Das wird sicher spannend, wenn die Isenburger Nachbarn vor dem Apfelwein Föhl über die Flüchtlinge debattieren und Sorge um ihr Ackerland haben. Die neue Religion führt durch Unwissenheit zu Verunsicherung.

Eine Geschichte von heute? Mitnichten! Es waren harte Zeiten für die reformierten Franzosen – die Protestanten wurden systematisch verfolgt und vertrieben. Graf Johann Philipp zu Ysenburg und Büdingen, selbst Anhänger des reformierten Bekenntnisses, hat Mitleid und spendet 34 hugenottischen Familien Zuflucht und Land. So entstand 1699 das „welsche Dorf“ Neu-Isenburg. Die Hugenotten stießen in der Region nicht unbedingt auf offene Arme. Die Leiterin des Kulturbüros, Dr. Bettina Stuckard, und Regisseurin Miruna Costa haben die Geschichte der geflüchteten Franzosen in einem Theaterstück aufgearbeitet. Zum Geburtstag von Neu-Isenburg und dem Sternenlauf in die Hugenottenstadt über den Waldenser und Hugenottenpfad am 24. Juli wird das von Stuckard selbst geschriebene Werk mit einer Gruppe von rund 15 Laienschauspielern im Alten Ort auf den Straßen gespielt.

„Wir wollen unsere Stadtgeschichte mit einem Stationentheater erlebbar machen“, erklärt Stuckard. „Die Zuschauer sind mitten drin, wir ziehen durch die Gassen und werden zeigen, wie die Hugenotten hier in Neu-Isenburg gelebt haben“, erläutert die Kulturbüroleiterin. Die Idee: Das Publikum läuft mit den Hugenotten mit, sie werden bei der Armenspeisung mit verköstigt, sind in einer Prozess-Szene die Gerichtsbesucher und gehen mit in die Kirche zum Beten.

„Eine Stadt macht Geschichte“ beginnt am Sonntag, 24. Juli, 15 Uhr auf dem Marktplatz im Alten Ort.

Damit es auch authentisch wird, hat sich Stuckard wirklich um jedes Detail gekümmert. „Unsere Schauspieler laufen auf Holzschuhen, die Kostüme sind aus ganz einfachen Stoffen selbst genäht oder aus dem Theaterfundus der Bühne Frankfurt geliehen und wir haben selbst bei den Perücken darauf geachtet, dass sie nicht zu weit im Zeitalter zurückreichen“, erzählt Regisseurin Miruna Costa. Dabei haben die Initiatorinnen dafür gesorgt, dass es bei dem bewegten Theaterprojekt keinesfalls verstaubt zugeht. Sie versprechen Stilbrüche mit modernen Elementen, es gibt eine Tanzszene und der Graf von Ysenburg hat einen Bodyguard. In 13 Szenen geht es über den Marktplatz, in die evangelisch-reformierte Kirche, in die alte Schule und auf den Marktplatz zurück. „Letztlich geht es in dem Stück auch um Flucht und Integration, Vorbehalte und Freiheit und um das Thema Heimat und Ankommen – also tangiert es auch die heutige Zeit, denn in der Geschichte wiederholt sich ja alles“, so Stuckard.

Die Recherche sei nicht allzu schwierig gewesen. Die Hugenottengeschichte gebe sehr viel Stoff für das Theater her und mit dem Diarium, dem Kirchentagebuch und dem Gerichtsbuch gebe es hervorragende Quellen. „In dem Diarium geht es nicht nur um Kirchensteuerschulden, der Pfarrer hat seine Schäfchen ehrlich gesagt fast bespitzelt. Es geht um Konflikte in den Familien, kleine Streitigkeiten, daher können wir jetzt natürlich toll authentische Geschichten spielen“, ist Stuckard zufrieden.

Engagierte Gruppe von erfahrenen Schauspielern

Miruna Costa kann auf eine engagierte Gruppe von erfahrenen Schauspielern zählen und die Proben sind schon gut gelaufen. „Wir planen eine offene Regiearbeit. Denn wir haben auf der Straße ja auch Lärm und vielleicht müssen wir kleine Abschnitte auch wiederholen. Das handhaben wir aber ganz spontan“, kündigt Costa an. Die kleinen Zwischenläufe von Station zu Station werden mit Musik überbrückt. Thomas Peter-Horas spielt französische Volkswaisen und auch der Kirchenchor der Johannesgemeinde ist in Szenen eingebunden. Die reine Spielzeit des Stückes liegt bei rund 45 Minuten, durch den Szenenwechsel ist das Publikum mit dem Ensemble wohl rund eine Stunde und 15 Minuten unterwegs.

„Die Vorbereitung für das Stück hat uns so einige schlaflose Nächte gekostet“, gibt Stuckard lachend zu. „Wir hatten auch immer wieder neue Ideen und haben uns gegenseitig sehr schön hochgeschaukelt. Doch – wir haben uns gesucht und gefunden“, hatte auch Miruna Costa ganz viel Freude an dieser besonderen Regiearbeit. Beide Frauen erzählen, dass sie bei der Recherche viele nette Leute kennengelernt haben, mit Tim Bischoff einen engagierten Regieassistenten im Team haben und mit Jugendkulturpreisträger Sven Marquardt wird das Projekt während der Probenphase filmisch und fotografisch festgehalten.

Jetzt hoffen Stuckard und Costa mit ihren Schauspielern nur noch auf gutes Wetter am 24. Juli. „Wir spielen auf jeden Fall. Wenn es richtig regnet, müssen wir ins Haus zum Löwen. Das wäre natürlich nicht das Gleiche“, glaubt Stuckard aber fest an Sonnenschein und das Stationen-Theater. (col)

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