Eigenbedarf oder Handel?

Ein Kilo Marihuana in der Sporttasche

Neu-Isenburg - Gestern verhandelte Richter Manfred Beck vor dem Schöffengericht in Offenbach zum ersten Termin über einen Isenburger, den die Polizei im März 2013 mit knapp einem Kilo Marihuana im Auto stoppte. Die Staatsanwältin wirft dem 34-Jährigen Drogenhandel vor. Von Stefan Mangold

Die Textilwahl des Angeklagten deutet darauf hin, dass er von der Arbeit kommt oder noch hin muss. Indirekt sei der Job der Grund, warum er sich in der misslichen Lage befinde. Damals sei er frustriert gewesen. Einen Aufstieg wähnte er in weiter Ferne, das Gehalt hätte nicht zu seinen Ausgaben gepasst, „auch durch meinen Cannabis-Konsum“. Der habe täglich bei vier bis fünf Joints gelegen.

Fast jeder, der in Offenbach wegen Drogenhandel vor Gericht steht, spricht von Eigenbedarf. Der eloquente Isenburger erklärt, er habe an jenem Abend eine derart große Menge abgeholt, um zum einen das Risiko zu meiden, irgendwann beim Straßenkauf erwischt zu werden. Zum anderen habe der Rabatt gereizt. Das Erlebnis von damals, als ihn die Polizei stellte, sei ein „heilsamer Schock“ für ihn gewesen. Das Kiffen habe er mittlerweile eingestellt. Seine Situation im Betrieb habe sich samt Gehalt verbessert.

Die Oberstaatsanwältin will wissen, wie viel er für das knappe Kilo bezahlte. Der Angeklagte erklärt, es sei kein Geld geflossen. Der ihm bekannte Kleinhändler habe ihn an den größeren Dealer vermittelt. Von dem wisse er nur den Vornamen A. Zeitnah habe er 6000 Euro abstottern wollen, wozu es nie gekommen sei.

Die Anklagevertreterin zeigt sich überrascht ob so viel Vertrauen. Normalerweise kenne sie den Vorgang – Drogenübergabe ohne Geldfluss – nur von Kommissionsgeschäften: Bezahlt wird, wenn die Drogen verkauft sind. Ob sich Dealer A. nicht gemeldet habe? Der Angeklagte verneint. Anrufen habe A. nicht können, sein Handy sei konfisziert worden. Besucht habe A. ihn auch nicht, „er wird von meiner Verhaftung erfahren haben“. Das Geld habe er wohl abgeschrieben, vermutet der Angeklagte.

Die observierende Polizei hatte von Kollegen Wind bekommen, in einer bestimmten Wohnung werde mit Drogen gehandelt. Ein Beamter sagt aus, wie der Angeklagte nach sechs Minuten mit einer Sporttasche wieder zu seinem Auto kam, in der sich ein Großteil des Kilos befand. Ein Beamter, der ihn mit verhaftete, erzählt von Cannabisgeruch, der durchs offene Autofensterfenster wehte. Ein weiterer Beutel Marihuana habe sich in der Jacke des Angeklagten befunden. Wo die gefundenen 1100 Euro steckten, ob in der Tasche oder im Wagen, hatten die Ermittler damals nicht protokolliert, erfährt Verteidiger Hans Grünbauer, dessen Strategie darauf beruht, die Eigentümerschaft der hohen Bargeldsumme offen zu lassen. Den Angeklagten habe man bis dahin nicht als Dealer auf dem Schirm gehabt, sagt ein Polizist.

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Drei Bekannte des Angeklagten erscheinen, die damals in der Wohnung polizeilich angetroffen wurden. Der eine verweigert die Aussage. Sein eigener Prozess steht aus.

Fast wäre es im Wohnzimmer zum Treffen langjähriger Bekannter gekommen, hätten sich nicht alle knapp verpasst oder durch äußere Umstände nicht richtig bemerkt. Der weitere, mittlerweile freigesprochene Zeuge berichtet, sich auf die Playstation konzentriert zu haben. Deshalb könne er nicht sagen, ob der Angeklagte Präsenz gezeigt habe. Im Dezember 2015 habe er der Polizei jedoch erzählt, wirft die Oberstaatsanwältin ein, der Angeklagte sei mit leeren Händen gekommen und mit einer Sporttasche gegangen. „Ich kann nur sagen, was ich heute erinnere“, erklärt der Zeuge.

Der nächste erzählt, als er sich in der Wohnung aufhielt, habe er den Angeklagten nicht mehr angetroffen, „ich war zur falschen Zeit am falschen Ort“. Beck fragt beide, worum es eigentlich geht, ob sie gehört hätten, der Angeklagte handele mit Drogen. Beide betonen, das weder verlässlich bestätigen noch gewissenhaft dementieren zu können. Der Prozess findet demnächst seine Fortsetzung.

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Rubriklistenbild: © dpa

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