Rundgang durch Gravenbruch

Gespannte Atmosphäre löst sich

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Am Anfang des Rundgangs wirkt die Atmosphäre etwas angespannt. Viele Anwohner wollen sich vor allem über die geplante Flüchtlingsunterkunft bei Bürgermeister Herbert Hunkel (links) genau informieren.

Gravenbruch - Bürgermeister Herbert Hunkel hatte zum Rundgang durch den Stadtteil Gravenbruch eingeladen. Ein paar Tage vorher hat er noch gefürchtet, es kämen kaum mehr als eine Hand voll Bürger. Ein Irrtum: Morgens um neun stehen rund 60 Anwohner parat. Von Stefan Mangold 

Ziemlich viel für einen Spaziergang, beim dem es darum gehen soll, zu schauen, was sich in den vergangenen beiden Jahren so alles im Kiez veränderte. Die meisten interessiert jedoch vor allem, was in den nächsten Monaten passieren soll. Im „Singh-Haus“ an der Meisenstraße hatte die Modedesignerin Cornelia Singh schicke Textilien entworfen. Die R & E Collections Haute Couture GmbH braucht das Gebäude aber nicht mehr. Dort soll nun (wie berichtet) eine Unterkunft für Flüchtlinge entstehen. „Nur für Familien“, betont der Bürgermeister. In Gravenbruch geht jedoch offensichtlich die Angst vor Gruppen junger Männer um, die sich distanzlos Frauen nähern und zu Eigentumsdelikten neigen. Mit den Kölner Silvester-Ereignissen kippte die Stimmung im Land.

„Können Sie garantieren, dass hier nur Familien einziehen?“, will eine Anwohnerin den Bürgermeister festnageln. Der gibt wieder, was er von Vertretern des Kreises weiß. Der Kreis ist bekanntlich der Mieter des Hauses, das sich im Umbau befindet. Geschäftsführer Kai-Michael Singh erläutert das Belegungskonzept.

Auf den drei Stockwerken sollen sich etwa 30 anerkannte Flüchtlinge auf vier abgeschlossene Wohnbereiche verteilen. Ein Betreuer sei ständig im Haus. „Die 70 Bewohner, von denen die Rede ist, sind das theoretisch absolute Maximum“, führt Singh aus. Die Zahl der Flüchtlinge sei jedoch massiv rückläufig, „es kann sogar sein, dass überhaupt keine hier einziehen“.

Dann dürften die Mietverträge mit dem Kreis dennoch gelten. Ansonsten wäre das betriebswirtschaftliche Risiko zu groß. Auf die Frage einer Frau, ob der Steuerzahler die Umbauten bezahle, antwortet Singh, „alles finanziert der Eigentümer“.

Zu jeder Wohneinheit zählt ein Raum mit Toiletten und Duschen und eine Gemeinschaftsküche. Eine Anwohnerin gibt zu bedenken, unter Muslimen herrsche rigide Geschlechtertrennung. „Die Männer akzeptieren es nicht, wenn die Ehefrau zusammen mit einem anderen Mann in einem Raum duscht.“ Singh betont, die Kabinen seien mit großzügiger Ablage versehen und bis zur Decke abgeschlossen. Asuman Demir, selbst Muslimin und eine der Gründerinnen der Nachbarschaftsinitiative „Mein Gravenbruch“, schaut sich den Plan mit den nach Geschlechtern getrennten Toiletten und Duschen an und sieht kein Problem.

Eine drei- bis vierköpfige Familie soll pro Zimmer unterkommen. „Das ist es also, was die Leute so neidisch macht“, ironisiert Petra Riesinger, Isenburgs Stadtfotografin von 2015, die Mär dumpfer Geister, Flüchtlinge lebten in Saus und Braus. Die Anfangs leicht angespannte Atmosphäre löst sich endgültig bei Kuchenstücken und Getränken, die der Hausherr spendiert.

Draußen geht es weiter durch den Wald zur Sickergrube, die das Regenwasser fängt und in den Hainbach leitet. Hunkel erzählt, für die Grube hätten ursprünglich 4500 Quadratmeter Wald fallen müssen. Eine Bürgerinitiative habe das Schlimmste verhindert. Ums Eck geht es in die neue Dependance der Stadtbibliothek, wo Mirjam Irle, die stellvertretende Leiterin, von 3500 neuen Medien und der Zusammenarbeit mit dem Kinderzentrum erzählt.

Ein paar Meter weiter erklärt Herbert Hunkel die Pläne des neuen Eigentümers des ehemaligen Tengelmann-Gebäudes. Seit 2010 steht die Immobilie leer. Mit dem alten Eigentümer habe er einige Male ergebnislos gesprochen. „Ich hätte auch mit der Hecke reden können.“Der seit einer Zwangsversteigerung neue Investor wolle die Immobilie abreißen – samt des Flachbaus der Forsthausgalerie nebenan. Die dortigen Geschäfte könnten sich in den großen Neubau einmieten: „Ein Rewe-Markt kommt außerdem rein.“ Detaillierte Planung für das für den Stadtteil so wichtige Areal sollen dem Ortsbeirat laut Hunkels Kenntnisstand nach der parlamentarischen Sommerpause vorgestellt werden.

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