Zum Abschied ein paar Tränen

Schließung der Erstaufnahmerichtung birgt emotionale Momente

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Gestern Morgen warten Flüchtlinge vor dem Camp auf den Bus, der sie nach Frankfurt bringt.

Neu-Isenburg -   Aufbruchstimmung in der Rathenaustraße. Rund 50 Bewohner der Erstaufnahmerichtung haben am Montagmorgen um neun ihre Koffer vor die Halle der alten Druckerei getragen. Alle Habseligkeiten sind in Koffer und Taschen zusammengepackt. Die Stimmung ist ein bisschen aufgeregt und auch ein bisschen traurig.

„Ich würde sehr viel lieber in Neu-Isenburg bleiben“, erklärt Nidhal. Die 32 Jahre alte Irakerin mit zwei Kindern schätzt die gute Betreuung – trotz der Feldbetten und der großen Halle, die nur wenig Privatsphäre zulässt. „Ich weiß nicht, was mich in Frankfurt erwartet, ich gehe jetzt wieder ins Ungewisse“, sagt die junge Frau in gutem Englisch. Wie Nidhal haben alle 370 verbliebenen Flüchtlinge in dem Camp ihre Sachen gepackt. Für die Einrichtung ist ab heute Mittag Schluss, wie 18 andere Erstaufnahmen wird auch Neu-Isenburg vom Land Hessen geschlossen und die verbleibenden Leute nach Frankfurt ins alte Neckermann-Gelände gebracht.

Alles ist gestern sehr gut organisiert. Jede Familie weiß, in welchem Bus sie mitfahren soll, alles ist ausführlich auf Listen vermerkt. Recht pünktlich um Viertel nach neun rollt der Bus auf das Gelände. Es ist Zeit zum Abschied nehmen. Die Mitarbeiter laden die Lunch-Pakete in das Fahrzeug. Die Männer transportieren die Gepäckstücke an den Anhänger. Taschen und Koffer werden ordentlich gestapelt, damit auch alles rein passt. „Wir haben ja vor kurzem noch einmal zu Kofferspenden aufgerufen und erfreuliche 180 Gepäckstücke aus der Bevölkerung gespendet bekommen“, erzählt Christopher Radtke, der stellvertretende Einrichtungsleiter.

Der stellvertretende Einrichtungsleiter Christopher Radtke (rechts) nimmt an der Bustür Abschied von einem Bewohner.

Überhaupt seien die Menschen jetzt ziemlich gut ausgestattet, dank der Spendenbereitschaft in der Region. Während Radtkes Kollegin Anja Kappus am Buseingang die Namenslisten kontrolliert und die Karten der Leute einsammelt, kommen Andrea Kolar die Tränen. Hintereinander drückt sie viele junge Flüchtlingsfrauen. „Ich bin von Anfang an dabei und arbeite in der Essensausgabe. Wir sind Freunde geworden und jetzt ist der Abschied echt hart“, sagt die Mitarbeiterin und wischt sich die Tränen von der Backe. Das bestätigt Anja Kappus: „Eine solche Arbeit gibt es nie mehr für uns. Wir sind zu Beginn ins kalte Wasser gesprungen, haben Pionierarbeit geleistet und mehr als ein Mal Improvisationstalent bewiesen“, sagt die Soziologin. „Wir alle haben als Mitarbeiter im Kontakt mit diesen Menschen definitiv unseren Horizont erweitert.“ Wahrscheinlich, da ist sich das Team vom ASB einig, werde der Katzenjammer erst am Mittwoch kommen, wenn das Haus leer ist und aufgeräumt werden muss.

Für Nidhal und ihre Familie beginnt jetzt eine neue Zeit. Winkend, mit noch ein paar schnellen Umarmungen, steigt sie in den Bus, ihre Kinder am Arm. „I’ll be back“, sagt sie lächelnd – sie würde gerne wiederkommen. Sie hat Neu-Isenburg ins Herz geschlossen und hofft, dass sie bald eine Zuweisung in die Stadt bekommt. (col)

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