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Zwei Wochenlöhne für einen Ball

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Auf teils mehr als 60 Jahre aktive Mitgliedschaft in der TSG blicken diese Sportlerinnen und Sportler zurück (von links): Hans Mack (seit 1946 dabei), Anni Rüttger, Margarete Schneider (beide seit 1949) und Inge Ritscher (seit 1981).
Auf teils mehr als 60 Jahre aktive Mitgliedschaft in der TSG blicken diese Sportlerinnen und Sportler zurück (von links): Hans Mack (seit 1946 dabei), Anni Rüttger, Margarete Schneider (beide seit 1949) und Inge Ritscher (seit 1981). © Jordan

Neu-Isenburg ‐ Auf der Treppe eines Gasthauses ist der Verein einst gegründet worden. In diesem Jahr feiert die Turn- und Sportgemeinschaft 1885 (TSG) ihr 125-jähriges Bestehen. Von Markus Jordan

Die Auftaktveranstaltung zu diesem Jubiläum fand im TSG-Vereinsheim statt, wo die Festschrift zum Jubeljahr vorgestellt wurde. Mit über 1000 Mitgliedern, wovon mehr als die Hälfte Jugendliche sind, versteht sich der Verein als ein Bindeglied zwischen den Menschen über Nationalität, Religion und Geschlecht hinweg. Unterschiede würden durch Sport überbrückt, sagte der Vorsitzende Karl-Heinz Groh bei seiner Eröffnungsrede zur Feierstunde. Besonderes Lob für die Festschrift zum Jubiläum kam von Peter Dinkel, dem Vorsitzenden des Sportkreises Offenbach. Bei den über 300 Vereinen, die er im Kreis betreue, kämen jedes Jahr einige Festschriften in seine Geschäftsstelle, aber von solcher Qualität wie die der TSG seien die wenigsten. Sie sei kompakt, informativ und kurzweilig zu lesen.

Die Festschrift, die in zwei Teile gegliedert ist, umfasst eine Vereinsgeschichte, die von Christel Passinger besorgt wurde, und eine Vorstellung der einzelnen Sportabteilungen des Vereins, für die Heinz Schickedanz verantwortlich zeichnet.

Gründung des Fußballclubs Helvetia in 1883

Der historische Teil beginnt mit der Gründungsgeschichte des Vereins. Bereits im Jahr 1883 traf sich eine Handvoll junger Männer im Gasthaus zum Engel und gründete den Fußballclub Helvetia. Bei den Statuten, die noch im gleichen Jahr herauskamen, handelt es sich laut Christel Passinger um die älteste heute noch erhaltene Vereinssatzung von Isenburg. Sie wird im Stadtarchiv aufbewahrt.

Der Verein bestand nur zwei Jahre. Den Fußballplatz auf den Weilbornwiesen hinter der Bansamühle durften die jungen Leute erst nutzen, wenn Heu und Grummet gemacht waren, und im Herbst und Winter waren die Wiesen zu nass.

Ohne Trainings- und Spielmöglichkeiten konnte der Fußballverein nicht überleben. Aber einige Sportler ließen nicht locker. Auf der Treppe des Gasthauses „Zum Engel“ hoben sie 1885 die Turngemeinde aus der Taufe.

Aus der Fusion mit der 1899 gegründeten Freien Turnerschaft ging nach dem Krieg am 14. November 1953 die Turn- und Sportgemeinschaft hervor.

Mit ganz besonderem Vergnügen habe er die Festschrift studiert, sagte Erster Stadtrat und Festpräsident Herbert Hunkel. Der geschilderte Werdegang des Vereins sei im besten Wortsinn zu einem Geschichtsbuch geraten. Denn es sei Passinger gelungen, den Aufbau und die Entwicklung des Vereins in die Stadtentwicklung zu integrieren. Geradezu akribisch habe sich Passinger in Akten, alte Fotos und das Befragen von Zeitzeugen vertieft, so dass ein plastisches Bild mit großem Tiefgang in der Schilderung der Ereignisse entstanden sei.

5000 Euro für die Jugendarbeit

Einen Scheck über 5000 Euro von der Firma Jeppesen überreichte Geschäftsführer Hermann Dudda an Karl-Heinz Groh. Dudda fungiert als Schirmherr des Jubiläums. Das Geld werde, so der TSG-Vorsitzende Groh, direkt in die Jugendarbeit fließen.

Im Anschluss an die Vorstellung der Festschrift wurden vier Mitglieder der Turnabteilung geehrt, die mit zahlreichen sportlichen Erfolgen selbst schon zur älteren Geschichte des Vereins zählen. Die Mitgliedschaft von Margarete Schneider, Inge Ritscher, Hans Mack und Anni Rüttger geht teils bis ins Jahr 1946 zurück. Trotzdem sind die Geehrten nach wie vor sportlich aktiv.

Nachfolgend wurden zum Abschluss des akademischen Teils der Veranstaltung rund 50 Sportlerinnen aus sieben Gruppen der Turn- und Gymnastikabteilung für sportliche Erfolge ausgezeichnet, die sie vergangenen Jahr errungen hatten.

Neben zahlreichen Veranstaltungen im Jubiläumsjahr feiert die TSG ihren Geburtstag am Sonntag, 21. März, ab 11 Uhr mit einem Festakt im Vereinsheim.

Ein Zeitzeuge erinnert sich

 Seit 1946 ist Hans Mack bereits Mitglied der TSG. Er war damals 16 Jahre alt. Mack gehörte anfangs noch der Freien Turnerschaft an, die dann mit der Turngemeinde zu einem Verein zusammengeschlossen wurde.

 „Meine Sportkarriere begann aber mit meinem Sturz von der Sprossenwand. Da war ich gerade sechs Jahre alt“, erinnert sich Mack schmunzelnd.

 Nach dem Krieg habe sich alles erst neu organisieren müssen. „Da war es nicht so einfach, einen Sportverein zu finden, zumal unsere alte Turnhalle den Bomben zum Opfer gefallen ist.“ Bis ins Jahr 1952 hätten sie als Sportler viel improvisieren müssen. „Wir haben uns als Handballmannschaft weiße Unterhemden angeschafft und diese dann zu Hause rot und grün gefärbt.“ Mit den selbst gemachten Trikots wurden Spiele in der Region ausgetragen, häufig gegen Teams aus Frankfurt.

Vom Handball zum Kegeln

 Das Vereinsleben hat Mack als sehr unternehmungslustig in Erinnerung. So hätte die Handballmannschaft im Jahre 1960 kurzerhand in der Schweiz einen Sportgegner ausfindig gemacht, gegen den dann im Nachbarland gespielt wurde. Das sei überhaupt sehr amüsant gewesen, denn erst vor Ort habe sich herausgestellt, dass die schweizer Handballer der ersten Liga angehörten. Das habe der Spielfreude aber keinen Abbruch getan.

 Handball wurde immer sonntags gespielt, und für den Ball, den die Mannschaft besessen hat, gab es einen eigenen Ballwart. „Wir hatten in den ersten Jahren tatsächlich nur einen einzigen Ball und der musste eine ganze Saison halten“, sagt Mack. In den fünfziger Jahren habe ein Handball etwa zwei Wochenlöhne gekostet, weshalb diese Lederkugel gehegt und gepflegt wurde.

 Seit 1991 ist Mack wegen einer Knieverletzung in die Kegelabteilung der TSG umgestiegen, womit er zu einem der Gründungsmitglieder zu zählen ist. Auf Turnfesten ist er zuletzt im Jahre 2002 in Leipzig aktiv gewesen. Dort habe er sich im Schwimmen und beim Schlagball sportlich bewiesen. Und auch wenn er dieses Jahr 80 Jahre alt wird, denkt er noch nicht an ein Ende seiner sportlichen Aktivitäten in der TSG.

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