Historisches Haus an der Steinheimer Straße

Alles traf sich in der Krone

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Aktuell wird die Gaststätte „Zur Krone“ renoviert. Bild unten: Alte Schilder zeugen von der langen Geschichte der Wirtschaft.

Obertshausen - Markante Gebäude sind das Gesicht einer Stadt. Die Alte Post im Stadtteil Obertshausen und die Krone in Hausen waren typische Motive für Ansichtskarten. Von Michael Prochnow 

Die Metzgerei und Gaststätte an der Steinheimer Ecke Lämmerspieler Straße blickt auf fast 200 Jahre Gaststättenbetrieb zurück. Die beiden Schilder aus dem Gasthaus, auf die der heutige Mitinhaber Jürgen Picard beim Aufräumen stieß, sind zwar kaum 100 Jahre alt, doch sie regten seine Familie an, die Geschichte des traditionsreichen Treffpunkts zu recherchieren. Gebaut wurde das Eckhaus um 1790. Johann Daniel Komo gründete um diese Zeit die erste Bäckerei im Dorf. Als er 1819 starb, hält die Gemeindechronik fest, erhielt seine Witwe ihre Konzession für einen Gastwirtsbetrieb. Ihr Sohn Sebastian, genannt Bäcker Bastian, führte Backstube und Wirtschaft weiter.

Man schrieb das Jahr 1843, als Peter Picard das Anwesen übernahm und seinem Schwiegersohn Matthias Becker überließ. In einer Stammtischrunde bot er die Immobilie am Morgen Martin Picard II. an, der noch am Abend den Kaufvertrag unterschrieb. Am nächsten Tag wollte Becker den Kauf rückgängig machen, worauf sich Picard aber nicht einließ. „Dieser Becker war ein Hitzkopf“, weiß Picards Enkel Dietmar aus Erzählungen seines Großvaters. Der war Portefeuille, eröffnete aber 1925 eine Metzgerei und führte daneben auch noch die Gastwirtschaft „Zur Krone“.

1936 übernahm Jakob Picard III. Wirtschaft und Fleischerei. Die „III.“ hinter dem Namen hat ihm übrigens die Post verliehen. Allein in der Steinheimer Straße wohnten damals gleich sieben Picards mit Vornamen Jakob. 1968 überschrieb er die Betriebe seinem Sohn Dietmar. Jeden Mittag herrschte Hochbetrieb in der Krone: Die Babbscher schickten die Mädchen zum Essenholen. „Die wollten immer zwei Achtel Blutwurst“, erinnert sich Dietmar Picard. Im Gastraum musste es schnell gehen, „es war gestopfte voll“.

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Sonntags kamen die Männer von der Kirche zum Frühschoppen, spielten Karten und gingen Punkt 12 brav nach Hause. Wer zum Mittagsmenü kam, bekam Kotelett, Kartoffeln und Gemüs’ für 1,20 D-Mark. Dietmar Picard stellte seine heutige Ehefrau Renate ein. Trotzdem war es eine anstrengende Zeit: „Mittags hab ich mich in die Küche gesetzt, einen Löffel in die Hand genommen und bin eingenickt. Als mir der Löffel aus der Hand fiel, bin ich aufgewacht, und weiter ging’s“, verrät der Hausherr.

„Damals hatten die Vereine noch keine eigenen Heime“, erklärt der Wirt weiter. Also war der kleine Saal im Obergeschoss auch Übungsort für Sängerlust, Kammerchor und die Turngesellschaft. Für die Turner am Reck hatten die Zimmerleute eigens eine Kuppel eingebaut. Die „Krone“ war auch Versammlungsort für Geflügel- und Taubenzuchtverein, für Feuerwehr, Tischtennisclub, Vertriebene und VdK sowie für die CDU. 1972 verpachtete Picard die Wirtschaft. Derzeit wird sie renoviert. Ab November bieten neue Gastronomen wieder Spezialitäten der italienischen Küche.

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