Hessischer Tag der Nachhaltigkeit

Es wird eng für Wald und Wiese

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Ein Leben im Einklang mit der Natur wird immer schwieriger.

Obertshausen - Die wenigen noch unbebauten Flächen der Stadt versprechen dringend benötigtes Kapital für den klammen Haushalt. Zum Hessischen Tag der Nachhaltigkeit haben wir einen der letzten Bauern der Stadt besucht und gelernt, dass die wahre Herausforderung darin besteht, ökologische und ökonomische Interessen zu vereinen. Von Rebecca Röhrich 

Leonhard Becker steht in seiner Scheune. An den Wänden und auf dem eingezogenen Boden liegen ein Dutzend Strohballen in Reih’ und Glied. Um die Füße des kräftigen 65-Jährigen streift eine der vier Hofkatzen. Vor 50 Jahren hat der gelernte Maschinenschlosser den Bauernhof von seinen Eltern übernommen. „Wenn man so will, betreibe ich Landwirtschaft wie vor 50 Jahren“, erzählt er. Nur eben ein wenig kleiner. Kühe gibt es auf dem Becker-Hof nicht mehr. Aber eine Schleiereule wohnt oben im Gebälk des Gebäudes. Ein Mitbewohner, der in Mitteleuropa selten geworden ist.

Neben Kartoffeln, Mais, Roggen und Weizen sowie ein wenig Spargel baut er auf seinen rund 50 Hektar Land auch Winter- und Sommergerste an, hält neun Schweine und kümmert sich um ein paar Pferde.

Für Becker ist nachhaltige Landwirtschaft keine Frage des Ökosiegels, sondern in erster Linie Einstellungssache. In der Regel bauen Landwirte drei Kulturen auf ihren Feldern an. Er indes kommt insgesamt auf sieben verschiedene Bodenfrüchte. Seine Schweine werden mit dem gefüttert, was die Felder hergeben: Kartoffeln und Gerstenschrot. Antibiotika oder Fertigfutter kommen nicht in den Trog. Auch leben die Tiere nicht auf Gittern, die das Säubern erleichtern und in Großbetrieben die Regel sind, sondern auf Stroh. Klärschlamm als Dünger kommt ihm auch nicht aufs Feld. „Da weiß man ja nicht, was drin ist“, erzählt er. Trotzdem betreibt Leonhard Becker keinen Biohof, hat kein Biosiegel. Auf den Einsatz von mineralischen Düngemitteln, wie es eine biozertifizierte Landwirtschaft vorsieht, will er nicht verzichten. Einfach, weil er es nicht kann. „Der Boden hier ist schwach“, erklärt der 65-Jährige und schiebt sich seine Mütze aus dem wettergegerbten Gesicht. Ohne den Zusatz von Kalium und Phosphat würde sich der Getreide- und Gemüseanbau nicht mehr lohnen. Zu sehr setzen die Dumpingpreise der industriellen Landwirtschaft dem Bauer zu. Es gab schon Jahre, da hat er für das Kilo Kartoffeln sieben Cent erhalten. Viel zu wenig. Für einen ordentlichen Stundenlohn reicht das nicht. „Mittlerweile konkurrieren wir mit der ganzen Welt“, sagt Becker. „Wenn die Ernte hier in der Region mager ausfällt, ist das für die Menschen egal, dann kommt das Zeug eben aus Südamerika oder sonstwo her“, sagt er.

Hinzu komme noch die aggressive Preispolitik der großen Handelsketten. Wenn er im Oktober seine Kartoffeln an den Großhändler verkauft, hat dieser drei Monate Zeit zu zahlen. „Wenn ich an der Kasse stehe und meinen Einkauf nicht bezahlen kann, bekomm’ ich doch auch nichts!“, ärgert sich Becker. Er komme durch diese Regelung – auch mit Hilfe von staatlichen Subventionen – immer wieder in existentielle Not. In den vergangenen Jahren habe sich die Situation stetig verschlimmert. Sicher auch ein Grund, warum von den zehn Bauernhöfen, die es vor 50 Jahren noch in den Gemeinden Hausen und Obertshausen gab, heute nur noch zwei bestehen.

Schaut man von Beckers Hof aus in Richtung Obertshausen, blickt man über die Pferdekoppel auf das breite Maisfeld des Bauern. Dahinter, ein wenig in der Ferne, liegt das Städtchen im spätsommerlichen Licht. Der Kirchturm von St.-Thomas-Morus glänzt in der Sonne. Dazwischen unbebaute Fläche. Becker erzählt, dass dort regelmäßig Feldhasen unterwegs seien. „Die hoppeln da rum“, erzählt er und fügt dann zögerlich hinzu: „bis sie früher oder später überfahren auf der Landstraße liegen“. Das sei immer nur eine Frage der Zeit. Denn, es ist eng geworden für Mensch und Tier.

Wenn es nach den Plänen der Stadt geht, schiebt sich bald ein weiteres Gewerbegebiet zwischen den Hof und den Stadtteil Obertshausen. Dann müsste er sich noch mehr verkleinern. Aber das betrifft Becker nicht mehr. In einem Jahr wird er seinen Hof aus Altersgründen an die Neffen abgeben. Für den erfahrenen Landmann hat die bäuerliche Landwirtschaft in Ballungsgebieten wie dem Rhein-Main-Gebiet ohnehin keine Zukunft. Wenn auch noch die letzten Bauernhöfe, Ackerböden und Felder Fabrikhallen weichen, fehlt der Platz für Rehe, Feldhasen oder auch die Schleiereule, die aktuell noch bei Bauer Becker in der Scheune nistet und auf den umliegenden Feldern auf Mäusejagd geht.

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