Deutschlands größtes DHL-Zentrum startet Betrieb

Vergnügungspark für Päckchen

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Ein langer Weg: Mehr als sechs Kilometer joggen Pakete im Verteil- und Sortierzentrum Obertshausen auf den sogenannten „Sortern“. Am Ende purzeln sie in Lade-Teleskope und finden per Lastwagen und Sprinter ihren Weg zum Postboten.

Obertshausen - Modern, moderner, Obertshausen. So klingt das, wenn DHL und Ministerpräsident Volker Bouffier Deutschlands größtes Paketzentrum per Buzzerdruck zum Surren bringen. Der Neubau im Gewerbegebiet Herbäcker hängt seit gestern am Post-Netz. Von Eva-Maria Lill

Ein Blick ins Stahllabyrinth einer Zukunftsvision. Gedränge auf Containerböden, dann geht’s ab zur wilden Fahrt. Pakete flitzen über Förderbänder, sausen unter Scannerlicht. Weiter, immer weiter. Zeit ist Service. Service ist Geld. Mit jedem Takt vibriert der Gitterboden, unter Stahlstämmen kringeln sich Kabelschlangen, hocken Schwärme leuchtend gelber Knöpfe. Gestern hat in Obertshausen Deutschlands größter Vergnügungspark für Pakete eröffnet. Maximal 50 000 Fahrgäste schubst das Band pro Stunde in dunkelblaue Rutschschnecken. Mit vergnüglichem Quietschen schliddert Pappe auf Plastik. „Das ist ein Tag der Freude für uns alle“, jubelt Ministerpräsident Volker Bouffier bein offiziellen Start. Gemeinsam mit DHL-Vorstandsmitglied Jürgen Gerdes presst er gegen halb zwölf seine Hand auf den roten Buzzer. Ein dumpfes Dröhnen, ein hohes Fiepen und dann das Rauschen von Förderbändern gegen 2000 Tonnen Stahl.

Auf einer Fläche von fünf Fußballfeldern kurven drei sogenannte „Sorter“. Mehr als sechs Kilometer lang. „Sorter“, das bedeutet intelligentes Laufband. Eine der Neuerungen im „Paketzentrum 34 Obertshausen“. Die Bänder sind in Parzellen unterteilt. Diese speichern Informationen über ihren persönlichen Passagier und sorgen dafür, dass er möglichst zentriert auf Reisen geht. „An anderen Standorten nutzen wir Kippschalen“, erklärt Uwe Brinks, „Chief Production Officer“ – also einer der ganz Großen bei der Post-Tochter DHL. Dazu kommt, dass Pakete bei Ankunft haufenweise ins System gekippt werden können. Das Vereinzeln übernimmt der „Sorter“. Dabei kann’s passieren, dass die Päckchenseite mit Adressaufkleber links, rechts, oben, unten liegen bleibt. „Dafür haben wir sechsseitige Scanner installiert“, sagt Brinks und zeigt auf Schwellen, die ihr geisterhaft rotes Laser-Licht durch die Halle fluten. Auch das ist Innovation – extra für Obertshausen. Wie viel das alles gekostet hat, verrät niemand so genau. Das Phantom „zweistelliger Millionenbereich“ spukt durch Eröffnungsreden. Wenig kann’s nicht gewesen sein. Allein die Größe spricht in Superlativen.

Das Zentrum teilt sich grob in zwei Bereiche: In einem landen Pakete, die aus der Region ins weite Deutschland wollen. Im anderen schlummern solche, die in Oberts-hausen darauf warten, per Laster an Zusteller in Kreis und Umgebung verteilt zu werden. Insgesamt gibt’s 400 Sortier-Endstellen im Mega-Gebäude, zu ihnen führen Wendelrutschen. An deren Ende sollen künftig Mitarbeiter Hand anlegen. Insgesamt 600 finden im Rekord-Zentrum einen neuen Job.

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„Aktuell kümmern wir uns um 200.000 Pakete am Tag“, schätzt Brinks. Um Weihnachten rum sollen’s 400.000 werden. Trotzdem ist noch Luft nach oben, wenn die Anlage auf dem Papier 50.000 pro Stunde schafft. „Aber nur theoretisch“, verdeutlicht der DHL-Kopf. Denn: Vor 14 Uhr finden kaum Päckchen ihren Weg aufs Band, erst abends wird’s voll. Logisch: Privatpersonen schlendern selten schon ganz früh zur Post, 85 Prozent aller Sendungen stammen ohnehin von Online-Händlern – Tendenz steigend. Und die sammeln möglichst lange, um ihre Ware gebündelt spät am Tag auf Tour zu schicken. „Unsere Arbeit konzentriert sich also auf die Zeit zwischen 18 Uhr und 6 Uhr morgens“, sagt Achim Gahr, Pressechef von DHL-Mitte. An Weihnachten sollen die Bänder länger surren, vielleicht sogar rund um die Uhr.

Dann wird sich auch zeigen, wie krisenfest die DHL-Lösung für die angespannte Verkehrssituation rund um das ehemalige Bundeswehrgelände ist. Denn sowohl Brinks als auch Gerdes schwören, dass die mehr als 600 Laster am Tag außerhalb der eigentlichen Stoßzeiten brummen. „Wer Infrastruktur will, muss Infrastruktur dulden“, kommentiert Gerdes die Diskussionen um Nadelöhr Autobahn 3 und Landessstraße 3117. Bouffier zeigt sich zuversichtlich: „Es wird seine Zeit dauern, aber wir finden einen Weg.“

DHL-Zentrum in Obertshausen eröffnet: Bilder

Der Ministerpräsident lobt außerdem das Umweltbewusstsein der Großkonzerns. Denn dieser erzeugt den Strom fürs Zentrum selbst. Auf dem Dach streckt sich eine Photovoltaik-Anlage, auch ein Gas-Blockheizkraftwerk ist integriert. „Bei diesem Projekt haben erstmals die Herstellerrolle für alle Kleinigkeiten, auch für die eingebaute Sortieranlage übernommen“, erläutert Jürgen Gerdes. Daher habe es mit der Eröffnung etwas länger gedauert, Grundsteinlegung war im Juni 2013. Seit Januar läuft die Probephase. Nicht ohne Reibung, wie auch Leser unserer Zeitung berichten. „Verzögerungen sind Einzelfälle“, hebt Gerdes hervor. 91 Prozent aller Pakete kämen pünktlich an. „Menschen machen eben Fehler. Das bleibt beim Massengeschäft nicht aus.“ Gerade bei einem Mega-Projekt wie Obertshausen.

„Die Welt wandelt sich“, floskelt Gerdes. „Das Internet verändert alles“, folgt Bouffier. Der Paketmarkt wächst pro Jahr um acht Prozent, dieser Bedarf habe ein Zentrum wie das in den Herbäckern zwingend erfordert. „Vielleicht gefällt der technische Fortschritt nicht jedem“, sagt der Ministerpräsident. „Aber wenn wir die Augen zumachen und uns in eine verklärte Zeit zurückdenken, dann verlieren wir die Zukunft. Und die muss hier passieren, bei uns in Hessen. Bei uns in Obertshausen.“

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