Eröffnung von Deutschlands größtem DHL-Zentrum

Weckruf für den gelben Giganten

+
Die Ruhe vor dem Sturm: Ab heute sollen in Deutschlands größtem DHL-Zentrum etwa 50.000 Pakete pro Stunde über die Bänder rollen.

Obertshausen - Bereits seit Monaten hockt das DHL-Zentrum wie eine fette gelbe Katze auf dem Gewerbegebiet zwischen Heusenstamm und Obertshausen. Eigentlich sollten schon 2014 Pakete rollen, die Eröffnung ließ auf sich warten. Von Eva-Maria Lill und Claudia Bechthold

Jetzt ist der Schlummer offiziell vorbei: Ab heute schnurren die Förderbänder. 50.000 - die magische Zahl, mit der die Post-Tochter DHL seit der Grundsteinlegung auf dem Gewerbegebiet Herbäcker wirbt. So viele Pakete sollen ab heute über die Förderbänder von Deutschlands größtem Postzentrum wandern. Pro Stunde, wohlgemerkt. Zum Vergleich: Bisher setzte der Logistik-Riese maximal 28.000 Grüße, Geschenke, Bestellungen pro Standort um, etwa im Rodgau. Ein Millionenprojekt, ein Gigant in Gelb. Schon seit Monaten glüht nachts die Beleuchtung über den Wiesen zwischen Obertshausen und Heusenstamm. Rund 37.000 Quadratmeter belegt das Gebäude, die Gesamtfläche ist größer, etwa 140.000 Quadratmeter. 280 Meter spreizen sich die Schenkel der U-förmigen Anlage, die logistische Lady misst 180 Meter an der Stirnseite, ragt 13 Meter in die Höhe. Rundherum warten 331 Tore auf Autos, Sprinter, Lkw. Seit Januar rattern Pakete probeweise durchs Sortiersystem. Mittlerweile ackert die Anlage mit fast voller Auslastung. Nicht ohne Schwierigkeiten – Leser unserer Zeitung meldeten verschollene Sendungen und lange Wartezeit.

Lesen Sie dazu auch:

Chaos durch Paketzentrum befürchtet

Zur Eröffnung heute Vormittag gibt sich unter anderem Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) die Ehre. Dabei ist selbstverständlich auch lokalpolitische Prominenz. „Ich bin gespannt“, weiß sogar Obertshausens Bürgermeister Roger Winter (parteilos) nicht so recht, was ihn in den Hallen auf dem ehemaligen Bundeswehrgelände erwartet. Zumal die DHL bisher über Details der technischen Ausstattung schweigt. Ein Prototyp, heißt es, solle ein neues Zeitalter für die Deutsche Post einläuten. Denn: „Der Internethandel beschert uns neue Kunden“, sagt DHL-Pressesprecher Stefan Heß. „Und viele von ihnen sitzen im Rhein-Main-Gebiet“.

DHL-Zentrum in Obertshausen eröffnet: Bilder

Auch die gute Anbindung an die Autobahnen A3 und A5 sowie die Nähe zum Flughafen seien ausschlaggebend für die Standortwahl gewesen, erklärte Heß bei der Grundsteinlegung am 19. Juni 2013. 600 Arbeitsplätze generiere das Mega-Projekt.

„Das ist das erste Zentrum dieser Größenordnung“, verdeutlicht Bürgermeister Winter, „natürlich ergeben sich Herausforderungen“. Daher sei auch klar, weshalb sich die Eröffnung des Zentrums immer wieder verzögerte, geplant war der Start schon 2014. Bereits im September 2012 hatte die Obertshausener Stadtverordnetenversammlung den Weg fürs Buddeln freigeräumt. Denn ursprünglich sollten allein kleinere Logistiker auf den Herb-äckern siedeln. Der Bebauungsplan wurde extra für die DHL angepasst – einstimmig.

Verkehrschaos befürchtet

Ein kleiner Dämpfer fürs kommunalpolitische Kuscheln: Schon damals befürchteten Stadt und Anwohner Lärm und Verkehrschaos. Zumal rund um die A3-Anschlussstelle Obertshausen und die Landesstraße 3117 auch ohne Paketzentrum regelmäßig der Stauteufel tobt. Wenigstens in Hinsicht auf Lkw-Gebrumme gibt Oberts-hausens Erster Stadtrat und Baudezernent Hubert Gerhards (CDU) Entwarnung: „Mit direkter Lärmbelastung ist nicht zu rechnen.“ Schließlich liege der Post-Gigant nicht im Wohngebiet.

Weniger rosig sieht’s beim Verkehraufkommen aus. Gerhards betont zwar, dass die DHL-Arbeiter vor allem in den Nachtstunden ausschwärmen. Allerdings stehe außer Frage, dass das bauliche Na-delöhr mit drei Ampelanlagen und schmalen Fahrstreifen keine zukunftsfähige Lösung sei. „Der Verkehr kann nicht abfließen“, gibt er zu. Etwa 130 000 Fahrzeuge donnern aktuell täglich über das Gebiet zwischen Obertshausen und Offenbacher Kreuz. Tendenz steigend.

Vermeintlich einzige Lösung: Die Straßenverkehrsbehörde Hessen Mobil pocht weiterhin auf den achtspurigen Ausbau der A3, um Obertshausen zu entlasten. Allerdings stuft der im März vorgelegte Bundesverkehrswegeplan diese Maßnahmen nicht mehr als „vordringlich“ ein, sondern als „weiteren Bedarf mit Planungsrecht“. Eine Umsetzung vor 2030 ist daher unwahrscheinlich. „Wir haben mit anderen Kommunen einen Brief an den hessischen Verkehrsminister geschrieben“, sagt Gerhards. „Wir machen uns arge Sorgen.“ Heusenstamms Bürgermeister Halil Öztas (SPD) runzelt ebenfalls die Stirn. Neben Obertshausen würde auch die Schlossstadt unter Lkw-Karawanen leiden. „Zumal die Ampeln offenbar so geschaltet sind, dass Fahrzeuge, die aus dem Gewerbegebiet fahren, bevorrechtigt sind“, vermutet Öztas. „Und die Ampel direkt zur Auffahrt auf die A3 lässt bei Grün sechs bis sieben Autos durch. Steht aber ein Lastwagen mit Anhänger davor, schafft nur dieser die Grünphase.“ Eventuell müsse eine zusätzliche Spur nur für Lkw gebaut werden, oder ein Tunnel, der zur Auffahrt führt.

Die größten Shitstorms

Selbst Heusenstamms Alt-Bürgermeister Peter Jakoby (CDU) meldet sich zu Wort. Von Anfang an habe der Magistrat gewarnt, dass das DHL-Zentrum keine gute Idee sei. Aber Heusenstamm wäre an dieser Entscheidung nicht beteiligt worden, habe nur die üblichen baurechtlichen Einsprüche erheben können. „Wir haben die rechtliche Situation sogar von einem Verwaltungsjuristen prüfen lassen“, sagt er. Das habe aber ergeben, dass Heusenstamm neben den Einsprüchen zum Bebauungsplan keine Handhabe besitze. „Und das ist eben ein sehr stumpfes Schwert.“ Der Kommunalpolitiker versteht nicht, wie die DHL ein solches Zentrum bauen konnte, ohne sich um den Abfluss des Verkehrs zu kümmern: „Damit hat sich Obertshausen einen Bärendienst erwiesen.“

„Jakoby war nur deshalb gegen das Zentrum, weil es nicht auf seiner Gemarkung steht“, kontert Roger Winter. Schließlich konkurrieren die Kommunen um nicht unerhebliche Grund- und Gewerbesteuereinnahmen. „Oberts-hausen braucht die DHL“, sagt der Rathauschef. „Das Zentrum wird nicht aus Spaß gebaut, sondern, weil Internethandel den Bedarf steigert.“ Für die „Kleinstadt mit Herz“ gehe es um Attraktivität, ums Überleben. „Fahren Sie mal in den Vogelsbergkreis. Seitdem da Schlecker geschlossen hat, ist die größte Attraktion der Zigarettenautomat. So soll es hier nicht werden.“

Kommentare