„Kreis Freundlicher Fachgeschäfte“ feiert Geburtstag

Eigene Stärken hervorheben

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Bernd Roth, Melitta Matthes und Hans H. Heng stehen ein für den Einzelhandel in Obertshausen.

Obertshausen - Damals waren Märkte auf der grünen Wiese das Schreckgespenst – heute sind es auch jene im Internet. Und Einzelhändler und Dienstleister sehen die Gemeinschaft nach wie vor als Rettungsanker. 21 von ihnen gründeten den „Kreis Freundlicher Fachgeschäfte“ (KFF). Von Michael Prochnow 

Der feiert zu seinem 40. Geburtstag ab heute eine Ausstellung. Und am Sonntag ist verkaufsoffen. Zwei Männer stehen inmitten ihrer Geschichte, in bunten Erinnerungen aus Plakaten, Karten, Gutscheinen und Fotos. Bernd Roth und Hans H. Heng haben Anzeigen, Artikel und Aufkleber gesammelt, die Aktionen der „Fachgeschäfte“ ins Gedächtnis rufen. Der Mitbegründer und einstige Vorsitzende des KFF und der Zeitungsmann haben viele Jahre an einem Strang gezogen, was Erfolg für die Mitglieder und überregionale Beachtung brachte.

Heng zeigt auf die Fotos von verdeckten Auslagen. „Was wäre wenn ...“ es die Läden nicht mehr gäbe, versuchten sie, die Bevölkerung mit roten Lettern wachzurütteln. 82 Schaufenster oder 800 laufende Meter waren im Juni 2003 mit 4,2 Kilometer Rollenoffset-Zeitungspapier zugeklebt, um darauf hinzuweisen, welche Bedeutung die Existenz der Betriebe auch für die soziale Funktion der Stadt hat. Oder, wie Raumausstattermeister Hans Doleschal dichtete: „Laufe nicht fort, kaufe am Ort“. Die Mahnung stieß bundesweit auf Interesse und große Resonanz bei den Medien.

Angefangen hat der KFF mit „Grüßen aus dem Urlaub“. Er forderte seine Kunden auf, Ansichtskarten aus den Ferienorten zu schicken. Die kamen in eine Lostrommel, Gewinner von Waren aus den Läden wurden gezogen. Legendär sind die Weihnachts- und die Osteraktionen. Um den Gründonnerstag bedanken sich die Unternehmen mit 10 000 Ostereiern für den Einkauf. Im Advent waren Gänse ausgelobt - für aufgeklebte Märkchen und mit einem bisschen Glück gab’s tiefgefrorenes Geflügel oder Einkaufsgutscheine. Heute locken anstelle der Vögel Schlemmerkisten, Fernseher und Tablet-Computer.

Das erste Treffen, blickt Roth zurück, fand schon im Herbst 1975 statt. Dem neuen Verein traten ein halbes Jahr später 21 Mitglieder bei, um sich gegen den gerade eingeweihten Depot-Markt im heutigen Einkaufszentrum „Marktplatz Obertshausen“ zu positionieren. Als Männer der ersten Stunde bildeten der Drogist Heinz Wüstefeld, Uhrmacher Herbert Thurner, Frisör Volker Ott, Metzger Karl-Heinz Noll, Hans Doleschal und Roth, der Kleidung und Heimtextilien verkaufte, den Vorstand.

„Wir wollten den Bürgern zeigen, welche Fachgeschäfte es längst am Ort gibt, und die eigenen Stärken hervorheben“, definiert der ehemalige Bürgermeister Roth den Kampf gegen vermeintlich übermächtige Konkurrenz. Die meist inhabergeführten Fachgeschäfte schrieben sich Qualität und Service auf die Fahnen. Um sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren, haben sie im Gründungsjahr die erste Gewerbeausstellung der Region in der alten Turnhalle an der Heusenstammer Straße aufgebaut. 1982 kam ein Festzelt auf dem Sportplatz an der Sonnentauschule dazu, später nutzten sie das Hausener Bürgerhaus.

„Bei der ersten Ausgabe war die Zoohandlung Maldonado mit einem lebenden Papagei dabei“, fällt dem ehemaligen Vorsitzenden ein. Zum Begleitprogramm zählten vor allem Modenschauen, im Anschluss gab es Tanz mit DJ Lothar Scherer, bekannt aus der Kellerbar beim Feuerwehr-Maskenball. Aus den Messen hat sich der Erlebnissonntag entwickelt, weil viele Händler nicht mehr so viel Material aus ihren Läden schleppen wollten.

1976 stellte die Gruppe den ersten Weihnachtsmarkt auf dem Parkplatz vor der Volksbank Obertshausen auf die Beine. „Wir haben Mützen, Schals und Handschuhe aus dem Laden in den Stand geholt“, erzählt Roth. Volker Ott hat Germknödel mit Vanillesoße zubereitet, und als einer der ersten Vereinen unter den Beschickern beteiligte sich der heutige Fußballclub Croatia mit Spanferkel und heißem Slibowitz. Die Verkäufer verteilten Rubbellose und Erfrischungstücher, feierten eines der ersten Kartoffelfeste und suchten die „freundlichste Verkäuferin“.

Zur Gebietsreform 1977 war der „Kreis freundlicher Fachgeschäfte“ eine der ersten Vereinigungen, die beide Stadtteile umschloss. Die KFF-Händler vereitelten Pläne eines Hausener Blumenhändlers, dort einen eigenen Gewerbeverein zu entwickeln, und gewannen 24 neue Kollegen. In den 90er Jahren waren sie mal 62, sonst schwankt die Zahl der Firmen zwischen 40 und 50. Gemeinsam legen sie seit dem Zusammenschluss einen Einkaufskompass auf, der mit Markierungen und Anzeigen auf einem Stadtplan auf alle Mitgliedsfirmen hinweist.

Bernd Roth blieb bis 2001 Vorsitzender. Ihm folgten Bettina Picard und Hugo Beutler-Torkler. Seit 2012 führt der Metzgermeister Christof Schnellbacher die Gemeinschaft. Hans Heng begleitete den Kreis von der ersten Stunde an, gestaltete 34 Jahre Anzeigen und die Öffentlichkeitsarbeit. „Unsere Ideen wurden oft kopiert“, sagt der PR-Mann. Zuletzt haben sie sich mit Hilfe einer Werbeagentur ein neues Erscheinungsbild verliehen, rote Sprechblasen prägen jetzt Anzeigen, Plakate und Geschenkgutscheine.

Die Ausstellung zur Geschichte der „Fachgeschäfte“ wird heute um 19.30 Uhr im Heimatmuseum eröffnet. Dann gibt’s auch eine Kiste mit Fotos zum Kramen, Erinnern und Mitnehmen. Am Erlebnissonntag am 11. September sind Läden und Mayer-Haus von 11 bis 18 Uhr geöffnet, Busse fahren kostenlos alle Schauplätze an. Die Exponate sind bis zum Sonntag, 11. Dezember, zu sehen.

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