Drahtesel dringend gesucht

Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge braucht Nachschub an Rädern

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Die Flüchtlinge packen gerne mit an und reparieren die gespendeten Fahrräder in der Werkstatt selbst.

Obertshausen - Vor einem Jahr hat sich die Flüchtlingshilfe gegründet. Nach und nach haben die Ehrenamtlichen verschiedene Arbeitsgruppen und Angebote für die in Obertshausen gestrandeten Menschen gebildet. Die Fahrradwerkstatt ist bei den Asylsuchenden besonders beliebt. Von Michael Prochnow 

Die Erfolgsgeschichte der Einrichtung begann mit 15 Rädern von der Frankfurter Polizei. Sie konnte die Stahlrösser auch bei einer Versteigerung nicht loswerden. Also stellten sie den Kontakt zur Flüchtlingshilfe und zu Kurt Müller von der Werkstatt her, der die Drahtesel mit offenen Armen entgegennahm. Sein Kollege Erich Hocke erinnert sich: „Es waren mehrere Gute dabei, die wir mit wenig Arbeitszeit wieder fahrtauglich machen konnten.“ Dann erhielten die Helfer auf einen Schlag sechs Zweiräder von einer Familie aus Offenbach- Waldhof. Es folgten noch viele weitere Spenden. Insgesamt haben die beiden Männer etwa 80 Räder bekommen, wieder aufgemöbelt und abgegeben.

Erich Hocke ist 78 Jahre alt, war Elektromechaniker und bringt viel handwerkliches Geschick mit. Kurt Müller, 68 Jahre, war Verwaltungsangestellter, beweist ebenfalls viel Erfahrung mit der Arbeit an den Fahrrädern. Seit April ist die Werkstatt in Hausen in einem ehemaligen Fahrradgeschäft untergebracht. Vorher schraubte Heinz Hornof in einem Container an der Gemeinschaftsunterkunft Georg-Kerschensteiner-Straße, seine Frau Magda kaufte Ersatzteile ein. Reifen, Schläuche und Klingeln werden allein mit Spendengeld finanziert. Als sie erkrankte, gab das Ehepaar die Leitung der Werkstatt ab, fand in Hocke und Müller gute Nachfolger. Die zogen mit den Rädern in Garagen am Hausmeisterhaus hinter der Sporthalle um, mussten bei jeder Aktivität die Drahtesel rein und raus stellen und im Freien arbeiten.

„Manchmal stehen 20, 30 oder sogar 35 Leute vor der Tür“, erzählt Hocke. Samstagvormittags wird in dem einstigen Ladengeschäft geschraubt und die Helfer nehmen Räder entgegen. Auch Flüchtlinge packen mit an. Einige haben in ihrer Heimat schon Räder repariert oder wurden angelernt. Sie wechseln Reifen und Bremsen und schließen Dynamos an. Oft ist ein ehrenamtlicher Dolmetscher für Arabisch mit dabei. „Er hilft bei der Ausgabe und wird von den Leuten respektiert“, erzählen die Leiter. Herrenräder sind besonders gefragt. Auch Kinder- und Jugendfahrräder und Stützräder sowie Roller stehen bereit.

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Bei den gespendeten Geräten seien überwiegend Schaltung und Bremsen defekt, „an vielen Rädern müssen wir alles überholen“, erläutert Hocke. Manch stolzer Gebrauchtradbesitzer taucht bald wieder auf, hat einen Achter im Vorder- oder Hinterrad. „Sie fahren mit einem Freund auf dem Gepäckträger über den Bürgersteig“, erklärt Hocke, danach seien die Reifen platt. „Kleinigkeiten werden gleich repariert, größere Aktionen brauchen zwei, drei Wochen.“ Ein Problem sieht Hocke, weil seine Schützlinge die Verkehrsregeln nicht kennen. „Viele fahren haarsträubend, gegen die Fahrbahn oder bei Rot über die Ampel.“ Unterricht ist schwierig, weil die Radler zu wenig Deutsch verstehen. „Wir verständigen uns oft mit Händen und Füßen“, sagt der frühere Mechaniker. Der Rentner hilft gern und weiß, dass auch er davon profitiert.

Früher haben er und seine Frau die ersten spanischen Gastarbeiter in ihre Wohnung eingeladen und ihnen Deutsch beigebracht. Im Gegenzug hätten sie Spanisch gelernt. Über Fahrradspenden freut sich die ehrenamtliche Werkstatt auch weiterhin. Auch über Ersatzteile wie Schlösser, Reflektoren, Dynamos, Flickzeug und Luftpumpen. „Es stehen noch 60 Leute auf der Liste, die ein Rad brauchen“. Wer eines abgeben kann, melde sich unter 06104/49338.

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