Flüchtlinge in Obertshausen

Gekommen, um zu bleiben

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Jeden Donnerstag Vormittag treffen sich Helfer und Flüchtlinge im Juz. Haupt- und Ehrenamtliche füllen Formulare aus, unterstützen bei der Wohnungssuche, die Migranten nutzen Videospiele und Billardtisch oder einfach die Gelegenheit zum Plausch.

Obertshausen - Auf einmal standen sie vor der Tür. Die Geflüchteten aus den Krisengebieten der Welt. Aus Syrien, Afghanistan, Eritrea. Sie besaßen nur das, was sie am Leib trugen. Gestrandete. Von Rebecca Röhrich

Plötzlich musste in einer beschaulichen Kleinstadt, wo eigentlich alles in ruhigen Bahnen läuft, improvisiert werden. Wohnraum für über 200 Menschen musste organisiert werden, es fehlte an Kleidung, Küchengeschirr, Handtüchern, Spielzeug. Daniel Kettler vom Fachbereich Soziales der Stadt erinnert sich. Eine schwangere Frau sei ihnen angekündigt worden. Und als sie dann in Obertshausen ankam, mit nichts außer einer kleinen Tüte, stellte sich heraus, dass sie bereits drei Tage über dem errechneten Geburtstermin war. Noch am gleichen Tag kam das Baby zur Welt. Kettler musste - wie so oft dieser Tage - organisieren.

Ohne die Hilfe aus der Bevölkerung, da ist sich der 35-Jährige sicher, hätten sie die Herausforderung nicht bewältigen können. „Wir sind unheimlich glücklich, dass sich von Beginn an so viele Obertshausener bei uns gemeldet haben, um zu helfen“, erzählt Kettler. Mitterweile habe sich ein solides Netz aus Bürgern, Unternehmen und gemeinnützigen Institutionen gebildet. Schnell standen Paten bereit, die sich um die Familien kümmerten. Sogar Deutschkurse konnten dank ehrenamtlicher Hilfe schnell angeboten werden. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt. Auch wenn noch nicht klar sei, ob die Hilfesuchenden langfristig in Deutschland bleiben dürfen: Es sei wichtig, den Menschen eine Aufgabe zu geben, sie zu integrieren, sagt Annegret Kraus, die sich für die Stadt um die Flüchtlinge kümmert.

Mitterweile werden etwa 15 Deutschkurse durch Ehrenamtliche angeboten, die jeweils zwei Mal in der Woche stattfinden, erzählt sie nicht ohne Stolz. Hinzu kämen noch Freizeitaktivitäten von jungen Obertshausenern, die mit den jungen Asylbewerbern kochen oder Sport treiben würden. Auch für Mobilität ist gesorgt. Bereits 150 Räder konnten gegen einen geringen Obolus abgegeben werden. Alles Spenden aus der Bevölkerung.

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Neben der Teilhabe an der neuen Gesellschaft haben die Angebote noch einen anderen, in der Situation vielleicht noch wichtigeren Grund. Sie sollen das Warten überbrücken, den Leerlauf erleichtern und von der Zukunftsangst ablenken. Bis zu der Entscheidung, ob ein Mensch bleiben darf oder nicht, vergehen in der Regel Monate. Gerade für die jungen Leute sei das eine zermürbende Zeit. Viele würden gerne studieren, zur Schule gehen oder sich einfach nützlich machen, erzählt Kraus. Sie muss zu vielen Wünschen nein sagen - der weniger schöne Teil ihrer Arbeit, sagt sie.

319 Menschen haben von 2014 bis heute Schutz in Obertshausen gesucht und gefunden. Einige mussten zurück in ihre Heimat, in den Krieg oder in die Armut oder beides. Aktuell leben noch etwa 250 Menschen in den Unterkünften, die die Stadt in Herrnstraße und Ostendstraße angemietet hat. Wie berichtet, sind die Renovierungsarbeiten in der Unterkunft in der Georg-Kerschensteiner-Straße beendet. Sie wird aktuell von 20 Menschen bewohnt. Die Einrichtung des Kreises an der Rodauhalle soll Ende des Sommers bezugsfertig sein. Einige Familien konnten in Wohnungen untergebracht werden - in diesem Jahr sind 67 aufgenommen worden.

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Im Juni waren 65 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Und es ist anzunehmen, dass die globalen Dramen und Krisen weiterhin auch nach Obertshausen tröpfeln. „Keiner weiß, wie sich die Situation entwickeln wird“, bestätigt Kettler. Bei einigen Neu-Obertshausenern sei das Asylverfahren durch. Sie sind als Flüchtlinge anerkannt, dürfen bleiben. „Für viele Menschen war die Stadt der erste Ort, an dem sie zur Ruhe kommen konnten“, erzählt Kettler. Klar, dass jene ohne Verwandte oder Freunde in anderen Teilen Deutschlands hier ihre Wurzeln schlagen wollen.

In unserer Sommerreihe stellen wir in den nächsten Monaten die Menschen vor, die in Obertshausen anpacken, um Flüchtlingen das Ankommen leichter zu machen.

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