Flüchtlingsfamilie Adem Salih

Taten sagen mehr als Worte

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Momina Adem Salih (von links) ihre Tochter Karin, Flüchtlingspatin Karin Thomas und Nurhussin Adem Salih sind eng miteinander verbunden.

Obertshausen - Seit zwei Jahren wohnen Nurhussin und Momina Adem Salih in Obertshausen. Sie flohen aus Eritrea. Obertshausen ist für sie eine zweite Heimat geworden. Auch dank dem großen Engagement der ehrenamtlichen Flüchtlingspaten. In der Sommerreihe stellen wir ihre Geschichte vor. Von Rebecca Röhrich 

Die Wohnung ist gemütlich, hell und endlich ein Zuhause für Nurhussin Adem Salih, Momina und ihre vier Monate alte Tochter Karin. Das eritreische Paar war eines der ersten Flüchtlinge, die es Anfang 2014 in das Städtchen verschlagen hatte. Seit Dezember letzten Jahres leben sie in einem Wohnblock im Stadtteil Obertshausen. Seit April sind sie Eltern. Sie sind angekommen. Endlich. Für den 42-Jährigen bedeutet das eigene Reich pures Glück. Der kleine ruhige Mann mit wachem Blick in heller Jeans und T-Shirt hebt die Hände und ringt nach der Sprache. Aber für Dankbarkeit und Glück fehlen manchmal die Worte. Und das hat erst mal wenig mit seinen Deutschkenntnissen zu tun. Für ihn sind die Erfahrungen, die er in Obertshausen gemacht hat, einfach unbeschreiblich. Aber mit Deutsch hapert es trotzdem noch. Doch der Eritreer lernt fleißig, fährt jeden Tag nach Offenbach in die Schule. Denn der nächste Traum wartet darauf, erfüllt zu werden. „Ich würde gerne als Busfahrer oder Lkw-Fahrer arbeiten“, erzählt er. Er möchte seine Familie alleine versorgen. Auch hier findet der Wunsch nicht die richtigen Worte, aber der Blick sagt alles. Nicht mehr abhängig sein.

Das Paar kommt aus Eritrea, einem Land in Afrika, dass zwar offiziell eine demokratische Verfassung besitzt, aber tatsächlich seit Jahren immer mehr in eine militärische Diktatur abrutscht. Schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen werden seit 2012 immer wieder von den Vereinten Nationen kritisiert. Auf der Rangliste der Pressefreiheit belegt das Land den letzten Platz.

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Nurhussin war Soldat, sein Leben bestand aus endlosen Gewaltmärschen und Kämpfen. Vornehmlich gegen die Feinde der Regierung. Kein freiwilliger Beruf, eher so etwas wie eine Einteilung, die die Regierung dort bereits in der Schule vornimmt, erzählt er. Eine Arbeit, die im starken Kontrast zu seiner eigenen Meinung stand. Er wünscht sich für sein Land eine echte Demokratie und ist irgendwann in den Widerstand gegangen. Doch das ist sehr gefährlich. Schließlich musste Nurhussin fliehen. Erst mal in das Nachbarland Sudan. Dort traf er Momina, auch eine Geflohene aus Eritrea. „Sie hat in einem Kaffee ganz in der Nähe meiner Arbeitsstelle gearbeitet“, erzählt er und schaut zu seiner Frau rüber, die gerade den typisch eritreischen Kaffee zubereitet. „Ich wollte plötzlich sehr viel Kaffee trinken“, sagt er und lacht ein bisschen. Die beiden heirateten und entschlossen sich, den Kontinent Afrika endgültig zu verlassen. Deutschland war von Anfang an das Ziel.

Ihre Fluchtroute war jene, die auch Tausende nach ihnen einschlugen. Sich irgendwie nach Libyen durchschlagen, dann mit Schleppern in einem Boot über das Mittelmeer gebracht werden, dann immer nach Nordwest. Und schließlich: Ankunft in der hessichen Provinz. Für die Salihs reines Glück. „Dieses Leben ist das beste Leben“, sagt Nurhussin, während er endlich auf seinem eigenen Sofa sitzt, die kleine Tochter spielt, seine Frau Kaffee kocht. Und er liebt Oberts-hausen und seine Menschen. „Hier gibt es so nette Leute“, sagt er. Eine davon ist Karin Thomas. Die Patin aus den Reihen der evangelischen Kirchengemeinde begleitet Nurhussin und Momina seit zwei Jahren. „Sie ist ein bisschen wie unsere Mutter“, sagen beide. Thomas hilft ehrenamtlich bei Behördengängen. Die gläubige Christin und die muslimische Familie stehen sich mittlerweile nah. Gerade bemüht Thomas sich, eine Geburtsurkunde für die Kleine zu bekommen. Weil die Eltern keine besitzen, bekommt auch das Kind keine. Eine der vielen bürokratischen Hürden in Deutschland. Für Dankbarkeit gibt es vielleicht keine Worte, aber Taten. Nurhussin und Momina haben ihre Tochter Karin genannt. Nach der unermüdlichen Helferin an ihrer Seite. „Falls wir je nach Eritrea zurückkehren, wollen wir etwas aus Deutschland mitnehmen“, sagt Nurhussin. Und der Name stehe für all das Gute, was ihnen hier wiederfahren sei.

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