Künstler Jörg Engelhardt in Obertshausen

Ein Fleckchen Kunst im Hof

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Die Gäste und Jörg Engelhardt (zweiter von rechts) blicken auf zehn Jahre Atelier im Garten zurück.

Obertshausen - Wer seinen 50. Geburtstag verstreichen lässt und Silvester nicht als einschneidendes Datum einordnet, der sieht auch im zehnjährigen Bestehen seines Unternehmens keinen Grund zu feiern. Von Michael Prochnow 

Falsch! Jörg Engelhardt nutzt das kleine Jubiläum, um die Hausener und Obertshausener doch noch für die Kunst in seiner Idylle zu gewinnen. „Hausen hat sich angeboten“, blickt Jörg Engelhardt zurück, während der Künstler in seinem grünen Reich steht. Damals noch für eine Bank in Frankfurt tätig, fand Engelhardt in der „liebenswerten Kleinstadt“ günstigen Wohnraum. Das Schlafzimmer in der Zwei-Zimmer-Wohnung war zugleich Atelier, Lager und Ausstellungsraum, „du konntest dich nicht mehr drehen“, erzählt das Talent an Pinsel und Linse lachend.

„Ich wusste schon, dass es in Hausen viele Babbscher-Buden in den Hinterhöfen gibt“, so Engelhardt weiter und so startete er seine Suche nach einer Heimat für seine kreative Tätigkeit. Er sprach bei Anwohnern mit prominenten Namen aus der Lederwarenbranche vor, doch die begegneten ihm reserviert. Ein kleines, verlassenes Ladengeschäft in der Nähe des Marktplatzes weckte sein Interesse, die Eigentümer waren jedoch vor Ort nicht zu erreichen. Erst als er versuchte, schriftlich Kontakt herzustellen, war ihm Glück beschieden: Engelhardt konnte den Laden an der Seligenstädter Straße mieten. Aber wie das mit Kunstschaffenden so ist, faszinierte ihn noch mehr der Raum hinter dem Raum: Das verstaubte Häuschen im Hof mit den eingeschlagenen Fenstern. Die Hartnäckigkeit des engagierten Neu-Obertshauseners sollte sich bezahlt machen: Nach einem halben Jahr durfte er sich auch im rückwärtigen Gebäude einrichten.

Den weitläufigen Garten hatte er eigentlich nie ins Visier genommen. Ein paar Mal Rasen mähen für die betagte Bewohner genügten, um Büsche und Wiese für Stühle an verrosteten Ketten und alte Fahrräder in die Natur einzubinden – „mein absoluter Ruhepol“, sagt Engelhardt heute.

Der starke Regen am Samstagabend ließ jedoch wenig Gelegenheit, die Kunst im Grünen zu genießen. Die Gäste wichen ins Vorderhaus aus, das der Bearbeitung und Präsentation von Fotos vorbehalten ist. In den Anbauten sind nun die zahllosen, mannigfaltigen Malutensilien und deren Ergebnisse untergebracht. Mal eben ein paar Pinselstriche auf der Leinwand im Schlafzimmer auftragen geht also nicht mehr. Der Maler muss sich nun entscheiden, ob er in sein Atelier fährt oder zu Hause bleibt. „Das war anfangs sehr schwierig“, gesteht er. Denn wann er welche Bilder gestaltet, hänge sehr von seiner inneren Verfassung ab. Fotografische Projekte müssen im Vorfeld geplant werden, weil er gerne mit Models und in Industriebrachen arbeitet. Zuletzt durfte er in der beeindruckenden Ruine des abgerissenen Hanauer Gefängnisses Motive einfangen.

Jörg Engelhardt arbeitet grundsätzlich nur mit einem analogen Schwarz-Weiß-Film. „Damit bilde ich die Realität ab, die Ergebnisse sind authentisch, Zeitzeugnisse, das Fotografieren wirkt auf mich entschleunigend.“ Er möchte mit seinen Bildern „sichtbar machen, was die Masse nicht mehr registriert“. Es sei „erschreckend, wie schnell heute vergessen wird“, urteilt der 52-Jährige mit Blick auf die Abrißkultur in den Städten. In Zukunft will er wieder mehr „raus“, hat seine Geburtsstadt Wuppertal neu entdeckt, wo er eine Ausstellung plant, ebenso in Hanau und Frankfurt. „In Obertshausen ist’s schwer“, resümiert er die zehn Jahre. Nur wenige Einheimische verirren sich in das Atelier im Garten.

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