Parwiz Pooya aus Afghanistan wird Bankkaufmann

Ein Lächeln in sechs Sprachen

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Mit großer Sicherheit und im feinen Zwirn berät Parwiz Pooya bereits Kunden in der Hausener Filiale der Sparkasse Langen-Seligenstadt. Der Flüchtling aus Afghanistan sammelte in seiner Heimat, wo er für die internationalen Streitkräfte tätig war und danach bedroht wurde, Erfahrungen im Bankfach.

Obertshausen - Die Flüchtlingshilfe in der Stadt ist sehr vielfältig und engagiert. Ganz besonders wertvoll ist die Begleitung eines Migranten freilich, wenn eine Arbeitsstelle vermittelt werden kann. Von Michael Prochnow 

Parwiz Pooya hat seit August einen Ausbildungsplatz bei der Sparkasse Langen-Seligenstadt. Spanien, Portugal, Italien, Pakistan, Indien, Türkei, Russland, Polen, Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzgowina – die Wurzeln der Mitarbeiter sind weit verbreitet. „Wir unterscheiden nicht nach Nationalität“, betont SLS-Personalleiter Dr. Wolfgang Woide, „unsere Kunden sind auch international, wir bilden eben die Region ab“. Klar, Deutsch ist ein Muss, der Personalchef führt aber auch Vorstellungsgespräche auf Englisch. Bei dem 27-jährigen Afghanen Parwiz Pooya war das aber gar nicht nötig. Nach nur elf Monaten in Deutschland beherrscht er die Sprache sehr sicher, lobt Arian Brickwedde, in der Bank verantwortlich für Aus- und Fortbildung,

„Wir haben über alles offen gesprochen, auch über Lebenspläne und Religion“, berichtet Dr. Woide vom ersten Kontakt. Vielleicht hätte in der Filiale ein Gebetsraum eingerichtet werden müssen. Auch nach Traumatisierung habe er gefragt, „allen Kollegen steht ein psychologischer Dienst zur Verfügung“. Bei einem Test der kognitiven Fähigkeiten Pooyas und bei der Eignungsdiagnostik habe der Bewerber „mit Bravour die erste Hürde genommen“. Neben Deutsch und Englisch kann der Neue am Schalter Kunden auch mit den afghanischen Sprachen Pashto und Dari ansprechen sowie auf Arabisch und Hindi.

Woide lobt auch die Hilfe des einstigen Berufsschullehrers Günter Welpot, der Pooya vermittelte und ihn weiter unterstützt. Sein Schützling stammt aus Mazar i Sharif, wo er 2008 ein dem Abitur ähnlichen Abschluss gemacht hat. In der Hauptstadt Kabul hat er für amerikanische und italienische Streitkräfte übersetzt, in Dubai arbeitete er in der Verwaltung einer Firma für gepanzerte Fahrzeuge. Ende 2009 ging er zurück, begann in seiner Heimatstadt Jura zu studieren, nach zwei Jahren spezialisierte er sich auf Verwaltungsrecht. Zugleich hat er in einer afghanischen Bank gejobbt. „Nach dem Abzug der internationalen Streitkräfte haben sie mich und meine Eltern bedroht“, erzählt Pooya. Also entschloss er sich zur Flucht.

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Vier Monate lang sei er gefahren und gelaufen. Die meisten Probleme bekam er in Pakistan, Iran und der Türkei, weil er kein Visum hatte. Er übernachtete im Freien, kam über Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Sein Onkel, der seit 25 Jahren in Langen lebt, kaufte ihm eine Fahrkarte nach Gießen. Von dort wurde der junge Mann nach Weilburg geschickt, wo er eineinhalb Monate zusammen mit 650 Personen lebte. Ende Oktober gelangt er in die Gemeinschaftsunterkunft nach Obertshausen. „Das war schlimm, ich wollte schnell die Sprache lernen, aber es gab keinen Kurs für mich.“ Also hat er sich bei der Stadtbücherei angemeldet, auf eigene Faust gebüffelt, Flüchtlingsbegleiterin Anne Kraus organisierte ihm schließlich einen Platz in einem Sprachkurs, weitere Lehrgänge besuchte er in Offenbach.

Seit August lebt er in einer Wohngemeinschaft in der Hausener Bachstraße, telefoniert täglich mit den Eltern in der Heimat. Ende September folgt der erste Blockunterricht an der Kerschensteiner-Schule, und später möchte Parwiz Pooya noch ein BWL-Studium dranhängen. Bei der TGO trainiert er Gymnastik, Schwimmen, Radfahren, Leichtathletik, mit einem Cousin saß er bereits in einem Segelflugzeug. Doch am meiste Freude bereitet ihm, Kunden zu beraten.

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