Mühlheims erster Pilgertag

Von wegen „nicht töten“

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Nach der Station an der Wendelin-Kapelle, wo Kirchenvorsteher Holger Pieper von deren Historie als Hort von Hirten erzählt, zieht sich der Pilgerweg durch den Wald gen Steinheim.

Mühlheim - Als Komiker Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ veröffentlichte, kam das Pilgern auch unter jenen in Mode, die nicht unbedingt dem Katholizismus nahe stehen. Der Hype hält an. Jetzt machten sich neun Pilgerfreunde in Dietesheim auf den Weg. Von Stefan Mangold 

Die Protestanten erfanden die Disziplin nicht. Im Gegenteil: Sabine Müller-Langsdorf, Pfarrerin und Referentin für Friedensarbeit im Frankfurter Ökumene-Zentrum, zitiert Martin Luther, der einst vom Gang über den Jakobsweg nach Santiago de Compostela abriet: „Lauf nicht dahin, man weiß nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund daliegt.“ Luther prangerte das Geschäftsmodell der Kirche an, die auf der Pilgerstrecke Ablassbriefe mit dem Versprechen feilbot, „wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“ Der Reformator bezweifelte die Korrelation. Am „Pilgertag zwischen Dietesheim und Steinheim“ unter der weiteren Überschrift „Frieden auf dem Weg“ hätte Luther nichts aussetzen können. Pfarrerin Müller-Langsdorf und Holger Pieper, Kirchenvorsteher der Friedensgemeinde, organisierten und gestalteten die Strecke inhaltlich.

Vor der Gustav-Adolf-Kirche an der Untermainstraße warten Tanja Böhmker und Martina Sondergeld auf den Start. Drinnen tauft Pfarrer Ralf Grombacher noch ein Kind. Die beiden Frauen sind zwar katholisch, laufen jedoch bei den Evangelen mit. Ursprünglich wollten sie an der Telgter Wallfahrt im Bistum Münster teilnehmen. Aus terminlichen Gründen mussten sie das Vorhaben sausen lassen. Und sowieso: „Wir halten es mit der Ökumene.“ Martina Sondergeld erklärt den Unterschied zwischen Wandern und Pilgern. Beim Pilgern kämen die besonderen Denkanstöße hinzu. So wie an der ersten Station, der Wendelin-Kapelle. Holger Pieper trägt vom Heiligen Wendelin vor, der den Katholiken als Schutzpatron der Hirten gilt.

Mit der Miniaturkirche hat es folgende Bewandtnis: Die Schweinehirten mussten die Tiere auch sonntags in den nahen Eichenwald treiben, weshalb sie nicht den regulären Gottesdienst besuchen konnten. Deshalb bauten sie die Kapelle am Ortsrand, wo der Priester ihnen die Messe las. Eine Frau spricht „vom inneren Frieden“, den die Hirten fanden, um den Bogen zum Thema zu spannen. Müller-Langsdorf erwähnt die Sonntagsarbeit, bevor alle gemeinsam den passenden Psalm für den Ort sprechen, „Der Herr ist mein Hirte“. Nur neun Leute laufen den modernen Pilgerweg mit, auch das Mühlheimer Pfarrerehepaar Martina und Ralf Grombacher, die heute mal keine aktive Rolle spielen müssen. Der nächste Haltepunkt liegt an der Hundeschule der Polizei, am Rand des Naherholungsgebiets. Normalerweise bellt es hier, wenn jemand vorbei läuft. Heute herrscht Ruhe. Die Tiere trainieren am Flughafen.

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Müller-Langsdorf spricht von der Funktion der Polizei, die meist dort einschreite, wo das Miteinander nicht funktioniert. Als Bild des friedlichen Zusammenlebens liest die Pfarrerin aus dem Buch Sacharja vor: „Auf den Plätzen Jerusalems werden alte Männer und Frauen sitzen.“ Dass nicht nur zählt, was in Schriften steht, sondern vor allem auch, wer das Zepter über die Exegese schwingt, zeige das fünfte Gebot, das für die Pilgerstation „Steinheimer Galgen“ auf dem Wegzettel steht: „Du sollst nicht töten.“

Klingt klar, hielt allerdings den Klerus zu dessen Herrschaftszeiten nicht davon ab, vermeintliche Gegner in den Tod zu schicken. An den Steinsäulen, über denen früher ein Balken lag, um Delinquenten zu erhängen, berichtet Pieper von einem gewissen Clomann, der hier am 12. September 1834 am Strang starb. Der vorbestrafte Mann hatte einem Händler aus Mannheim auf dem Weg zur Messe in Frankfurt einen mit Kleidung und Geld gefüllten Koffer vom Wagen gestohlen. Der Weg führt zum Friedensdenkmal nach Steinheim, über die Staustufe und nach 14 Kilometern wieder zur Gustav-Adolf-Kirche.

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