Selbsthilfegruppe für Männer mit Depressionen

Leben schwer wie Blei

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Jörg Engelhardt bekam vor 15 Jahren die Diagnose Depression, jetzt will er anderen Betroffenen helfen.

Obertshausen - Seit zwei Wochen gibt es eine Selbsthilfegruppe für Männer mit Depressionen. Sie ist eine Rarität: Denn laut Selbsthilfeverband ist sie deutschlandweit erst die dritte ihrer Art. Von Rebecca Röhrich 

Eines Morgens war sie zu schwer, die alte Decke Traurigkeit, die über ihm lag. Den behäbigen, dunklen Stoff von sich zu streifen, in die Küche zu gehen, Kaffee zu machen, Arbeiten, Alltag – das war für Jörg Engelhardt plötzlich nicht mehr möglich.

Bereits vor dem „körperlichen Zusammenbruch“, wie Engelhardt den Moment beschreibt, an dem nichts mehr ging, habe der Obertshausener monatelang nur noch funktioniert. Aufstehen, Arbeiten, Schlafen. Eine tiefe Kraftlosigkeit hatte von ihm Besitz ergriffen. „Ich habe mich in der Zeit nur noch von Kaffee und Müsliriegeln ernährt“, erzählt der große, kräftige Mann. Das Ergebnis waren 72 Kilogramm bei einer Größe von 1,84 Metern. Engelhardt wurde eingewiesen, Diagnose: Depression. Ein Schock für den Verkäufer Ende 30. „Ich habe an alles Mögliche gedacht, nur nicht an Depression“, sagt er. Tatsächlich wird die Diagnose bei Männern viel seltener gestellt als bei Frauen.

Kontakt: Die Selbsthilfegruppe „Depression bei Männern“ trifft sich wieder diesen Montag, 2. Mai, im Atelier im Garten, Seligenstädter Straße 11, Beginn ist um 19 Uhr.

Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse kommen deutschlandweit auf 87 Männer, die wegen Depressionen krankgeschrieben sind, 149 Frauen. Tom Schüler vom Selbsthilfebüro Offenbach glaubt aber nicht, dass aufgrund der Statistik weniger Männer an dieser psychischen Erkrankung leiden. „Männer haben andere Bewältigungsmuster“, sagt er. Und gerade die älteren Männer aus der Generation 50 Plus seien in ein Geschlechterbild hineinerzogen worden, das Schwäche nicht akzeptiert. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, Leitmotiv aus Engelshardt Kindheit, Jugend, eigentlich sein ganzes Leben lang bis zu dem Tag, an dem der Schmerz sich seine Bahn brach und zu einer Bleidecke wurde. Kein Wunder, findet der ehemalige Verkaufsleiter, dass der weitaus schickere Begriff „Burnout“ bei männlichen Patienten schneller auf den Tisch komme. „Der signalisiert: Dir geht es schlecht, weil du so viel gearbeitet hast. Toller Kerl, bravo!“, sagt der 54-Jährige. Wo die Grenze zwischen Burnout und einer Depression verläuft, vermag keiner so genau sagen. Die Symptome sind ähnlich: Schlafstörung, Kraftlosigkeit, Traurigkeit, Appetitlosigkeit, Suizidgedanken. Auch wenn Männer anders ticken, bräuchten sie bei der Bewältigung einer Depression Unterstützung von einem ausgebildeten Therapeuten oder Psychiater, sagt Schüler. Und einen Raum, in dem sie sich mit Leidensgenossen austauschen können. Vielleicht an einem Ort, wo sie „unter sich“ sind, wo sie sich nicht vor dem weiblichen Geschlecht beweisen müssen.

Deshalb ist Jörg Engelhardt mit Unterstützung von Tom Schüler aktiv geworden und hat in Obertshausen eine Selbsthilfegruppe für Männer mit Depressionen gegründet. Nach Recherchen des Selbsthilfebüros ist es erst die dritte Gruppe nur für Männer in ganz Deutschland. Vor zwei Wochen war der erste Termin und die beiden waren überrascht, wie groß der Zuspruch war.

Viele seien bereits vor der vereinbarten Zeit dort gewesen, warteten vor dem Atelier, setzten sich anschließend in einen Kreis, haben begonnen zu reden. „Mich hat die Altersspanne besonders überrascht“, erzählt Engelhardt. Von Mitte 20 bis Mitte 60 sei alles dabei gewesen. Und er habe gespürt, was sie alle bei dem Treffen einte: Das tröstende Gefühl, mit diesen schwer fassbaren, dunklen Gefühlen nicht allein zu sein.

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