Neuerungen, Liebe zur Tradition, Vereine und Kippler

Obertshausens Kerb: Zitterpartie in Sommerhitze

Obertshausen - Ein Brauch im frischen Gewand: Die Obertshausener Kerb gewann nicht einfach nur durch das beste aller Wetter. Neue Ideen und viel Engagement der sieben beteiligten Vereine schufen eine neue Attraktion für die Stadt. Von Michael Prochnow 

Zu früh abgebogen! Irgendwie zog es den Pfarrer zum Pfarrhaus. Mit dem Bürgermeister an der Spitze des Kerb-Umzugs marschierte Norbert Hofmann schnurstracks in die Franz-Liszt-Straße. Nicht so der Kerbbaum. Der wurde wie geplant durch die Haydnstraße chauffiert, um an seinen neuen Standort zu gelangen. Das Traditionsfest kam mit allerlei Neuerungen daher. Und mit idealen Wetterbedingungen. Der kleine, aber prächtige Festzug setzte sich vor der Herz-Jesu-Kirche in Bewegung. Die Kleingärtner begleiteten den rund acht Meter langen Birkenstamm auf einem Hänger, gezerrt von einer offenen Zugmaschine, den Bestatter Otmar Becker lenkte. Mit Blick auf die Kerbtradition entbehrte das einer gewissen Logik nicht. Von der Ladefläche winkte Kerbvadder Heinz-Jürgen Grab mit vornehmem Frack, Zylinder und weißem Schal, den er später spektakulär austauschen sollte.

Der attraktivste Zugteilnehmer war der Erntewagen der Gartenfreunde, der überquoll mit Körben voller Trauben, Quitten und Knoblauch, Paprikasträuchern, Kürbissen und Blumen, gezogen von einem Traktor mit der Vereinsfahne. Mittendrin steckte ein Schild mit den Logos aller Vereine, die an der Kerb teilnehmen. Und irgendwo zwischen dem Grünzeug hatten die Lederhosenträger eine Flasche Slibowitz versteckt! Das Blasorchester der Turngesellschaft Hausen gab den Takt vor, ihm folgten die Gastgeber vom Vereinsring in ihren dunkelblauen Hemden, eine bunte Schar Kinder und Erwachsene von der Turngemeinde, Mitglieder des spanischen Elternvereins in Knallrot, Vertreter der Sängervereinigung Hausen mit ihrer kostbaren Fahne und Männer der Radlergruppe auf Drahteseln. Auch der Freundeskreis der Katholischen Jugend trug bei dem Festzug eine Standarte.

Für den Kerbbaum war ein neuer Standort vorgesehen, direkt vor dem Glockenturm von St. Thomas Morus. Auf die Wiese dort dehnte sich das Festgelände aus. Bevor die Helfer hinter den Theken richtig loslegten, hieß es Atem anhalten: Der Stamm drohte auf einen der Pavillons auf dem Pilgerplatz zu kippen. Doch mit vereinten Kräften wussten das Gärtner und Reservisten zu verhindern. Die Birke wurde mit Holzscheiten und Vorschlaghammer in der Hülse im Boden verankert. KGV-Vorsitzender Siggi Wilz und seine Mannen befestigten mit Hilfe von Leitern und Akkuschrauber noch die Tafel mit den Vereinswappen an den Stamm, was dem Brauch einen neuen Anstrich verlieh. Zeit für den Auftakt, den die TGS-Kapelle auf der Bühne übernahm.

Bilder zur Kerb 2016 in Obertshausen

Kerbvadder Grab schwärmte fein gereimt und wortgewaltig und forderte die Nachbarn auf, sich nicht an der Musik zu stören, sondern mitzumachen. Dem Hausener Pfarrer, der zur Kerb-Eröffnung einen Eintracht-Schal umwarf, hielt er den rot-weißen Stoff der Offenbacher Kickers entgegen. Der Beethovenpark sei zwar „schön wie nie“, das Klo-Problem aber habe der Vereinsring besser gelöst! Pfarrer Norbert Hofmann begrüßte die Gesellschaft im historischen Gewand vor dem weltgrößten Caravaca-Kreuz außerhalb der Heiligen Stadt, Bürgermeister Roger Winter überließ die Bierdusche beim Fassanstich dem Ersten Stadtrat Michael Möser. Kulinarisch lockten Meininger Wurst, Paella, ein Spanferkel vom FC Croatia, Hamburger und Leberkäse von den Obertshausener Kickers. Die Gulaschkanone der Reservisten war wieder im Einsatz, die Feuerwehr war fürs Flüssige zuständig – außer für den Wein, den schenkten die Sänger aus.

Am Samstagabend spielte Kevin Henderson, nach der Kerbplatz-Segnung übernahm Dietmar Schrod mit dem Karl-Mayer-Werksorchester den Taktstock, am Nachmittag unterhielt die Band Caro – einmal mehr bei prächtigem Spätsommerwetter und auf einem voll besetzten Festplatz. M.

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