„Es gibt eine Vorgeschichte“

Prozess um Streit in Asylunterkunft

Obertshausen - Laut Staatsanwältin soll der Angeklagte sein Opfer in einer Asylunterkunft in Obertshausen am 17. Januar mehrmals mit einer abgebrochen Flasche und einer Nagelschere böse malträtiert haben. Von Stefan Mangold 

Der Beschuldigte sieht das anders, auch wenn er sich nicht genau an besagte Nacht erinnern kann. Der Mann erscheint zum Prozess vor dem Amtsgericht Offenbach aus der U-Haft in Handschellen. Angeklagt ist gefährliche Körperverletzung. Die Behörden hatten ihn im Kreis Bergstraße registriert. Er kann keinen festen Wohnsitz nachweisen. Vor der Tat soll er in das Zimmer des Geschädigten in der Asylunterkunft gegangen sein und ihn angepöbelt haben. Im Anschluss soll er sein Opfer zweimal angegriffen haben. Von einer eingetretenen Tür ist die Rede, einer abgebrochenen Flasche und einer Nagelschere. Davon zeugten Verletzungen am Bauch und Gesicht des Geschädigten, der am ersten Prozesstag noch nicht als Zeuge erscheint.

Von anderen Bewohnern der Asylunterkunft sei der Beschuldigte abgehalten worden, seinen verletzt am Boden liegenden Landsmann weiter zu attackieren. Rechtsanwältin Warda Tajjiou erklärt, sie werde sich für ihren Mandanten zu den Vorwürfen äußern, „an die Abläufe kann er sich aber nicht en détail erinnern“. Denn in jener Nacht habe der 31-Jährige in einer Bar mit zwei Freunden 20 Bier, eine Flasche Wodka und Kokain konsumiert.

Soweit er das Geschehen rekapitulieren kann, klingt seine Version anders als die der Anklage. „Es gibt eine Vorgeschichte“, erklärt die Verteidigerin. Der Geschädigte habe einem Mitbewohner in der Unterkunft übel mitgespielt, ihm das Geld vom Amt und das Mobiltelefon abgenommen. Der Angeklagte hätte ihn deshalb zur Rede stellt, ihn gefragt, warum er so handele und gedroht, ihn bei der Polizei anzuzeigen.

Anschließend sei er außer Haus gegangen und habe mit den beiden Kumpels gezecht und gekokst. Wieder zurück, habe er den später Geschädigten im Fernsehzimmer angetroffen und sich einen verbal geführten Streit mit ihm geliefert, gespickt mit Beleidigungen. Schließlich habe der Angeklagte vorgeschlagen, jetzt Ruhe zu halten. Im Arabischen gebe es ein Sprichwort, „Geschehen ist geschehen“, das Pendant zu „Schwamm drüber“.

Daraufhin soll sein Gegenüber eine der Beleidigungsschablonen verwendet haben, deren Kern darin liegt, dem anderen zu verkünden, demnächst mit dessen Mutter Geschlechtsverkehr zu haben. Eine gängige Ouvertüre von Schlägereien. Im Laufe der Auseinandersetzung habe er die Narbe im Gesicht davon getragen, die Richter Manfred Beck und die beiden Schöffen betrachten. „Laut Gutachter stammt die nicht von einem simplen Faustschlag“, führt Anwältin Tajjiou aus.

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Im Bad habe sich ihr Mandant den blutenden Riss im Spiegel angesehen, daraufhin sei er ins Zimmer zurück, sei mit dem Messer am Bauch verletzt worden und habe dann mit einer Flasche, die herumstand, zugeschlagen. An eine Nagelschere könne er sich nicht erinnern. Er habe weder vorgehabt, den anderen körperlich schwer zu schädigen, geschweige denn, ihn umzubringen.

Richter Beck will wissen, warum er nach zwei Jahren Frankreichaufenthalt nach Deutschland kam. „Wegen einer Freundin“, lässt der Mann den Dolmetscher übersetzen. Schließlich erklärt der Angeklagte, vor allen an den Wochenenden im Mehrbettzimmer der Unterkunft in Obertshausen übernachtet zu haben, in dem auch sein Widersacher wohnte, mit dem der Streit entbrannte.

Beck fragt außerdem, wie er es sich leisten könne, auswärts so viel zu trinken und dann noch Kokain zu schnupfen. Seine Anwältin erklärt, die Freunde hätten ihn frei gehalten. Zum nächsten Verhandlungstermin werden Sachverständige und Zeugen erwartet.

Rubriklistenbild: © dpa

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