Kür ohne Pflicht

Sportvereinen fehlt ehrenamtliches Engagement

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Sport ohne Verbindlichkeiten: Ein Trend, der Vereine zum Umdenken zwingt.

Obertshausen - Immer mehr Sportvereine bieten immer öfter Fitnesskurse für Nicht-Mitglieder an. Der Grund: Menschen treiben immer noch gerne Sport – möchten aber keine ehrenamtlichen Verpflichtungen. Ein Trend, dem es zu begegnen gilt. Von Michael Prochnow 

„Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel richtig setzen“, sagt Thomas Zeiger, Vorsitzender der Turngemeinde Obertshausen (TGO) und zitiert damit den Philosophen Aristoteles. Denn über die Vereinslandschaft weht immer stärker ein anderes Lüftchen. Weniger Vereinsleben und mehr Dienstleistungen sind gefragt. Deshalb habe die TGO eine Fitnessabteilung eröffnet. Der Verein reagiere damit auf die Konkurrenz. Beispielsweise vom Volksbildungswerk oder kommerziellen Fitnessstudios. Der Vorsitzende des mit 1200 Mitgliedern stärksten Vereins in Obertshausen beobachtet einen gesellschaftlichen Wandel: „Die Zeit wird immer schnelllebiger, von der jüngeren Generation will heutzutage kaum einer dem Verein lange die Treue halten“, so Zeiger. Die meisten möchten zwar das Angebot der Vereine in Anspruch nehmen, aber die wenigsten würden sich darüber hinaus engagieren wollen.

Diesen Trend bestätigt auch Jürgen Hofmann, Leiter des Fachbereichs Sport und Kultur der Stadt Obertshausen. Hinzu kommt für ihn ein weiterer Aspekt: „Früher waren die Menschen von der Geburt bis zu ihrem Tod in einem Verein“, erklärt er. Das habe sich stark gewandelt. Heutzutage wechsele man schon mal die Sportart und somit auch den Verein. Auch das Angebot in Sportvereinen habe sich stark vergrößert. Neben den klassischen Sportarten wie Fußball, Tennis, Leichtathletik oder Turnen gebe es mittlerweile eine Vielzahl von Trendsportarten wie Karate und Yoga. Gerade große Vereine wie die TGO oder der Turnverein (TV) Hausen, mit knapp 1100 Mitgliedern der zweitgrößte Verein der Stadt, würden die Mitglieder auf mehr Angebote verteilen. Damit erklärt Hofmann, warum manche Vereine in bestimmten Sportarten Mannschaften nicht mehr voll bekommen. Einen Mitgliederschwund gebe es indes nicht. „Beim Fußball wird’s weniger“, erzählt der neue Vorsitzende Alexander Fischer, da haben sie bereits Spielgemeinschaften mit der benachbarten Teutonia gebildet. Tennis sei ein „Selbstläufer“, die Turnerinnen ergänzen sich mit den überaus erfolgreichen Tänzerinnen, die regelmäßig neue Talente aufnehmen. Beim Kleinkinder-Turnen musste die Abteilung sogar einen Aufnahmestopp verhängen. Angebote für Kleinkinder seien immer mehr gefragt, sagt auch Hofmann. Da gebe es schon mal Engpässe in der Betreuung, erklärt TV-Trainerin Edith Stahl. Wenn Übungsleiterinnen vor dem Abitur stehen und oft Nachmittagsunterricht haben, wird’s schon mal eng.

Chronologie des Sports im Jahr 2015

Thomas Zeiger von der TGO bleibt trotz neuer Großwetterlage optimistisch.„Der Sport erfüllt eine enorm wichtige Funktion im gesellschaftlichen Zusammenleben“, sagt der Vorsitzende. Er fördere Begegnung von Jung und Alt und Menschen unterschiedlicher Religion und Herkunft. Vereinsleben helfe Vorurteile abzubauen. Er ist zuversichtlich, dass die TGO auch in neuen Strukturen bestehen bleibt.

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