Analia Goldberg hat für Buenos Aires entschieden

Tango statt Äppler

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Analia Goldberg hat sich als Tango-Pianistin einen Namen in Buenos Aires gemacht.

Obertshausen/Buenos Aires - Analia ist eine Botschafterin, denn sie vertritt den Geist der modernen argentinischen Frau. Von Michael Prochnow 

Und sie repräsentiert Oberts-hausen in Buenos Aires! Analia Goldberg pendelt zwischen zwei Welten, wobei sie momentan eher jener der eleganten Tanzschritte zugetan ist. Nur ein Block von der belebten Corrientes entfernt, zwischen dem angesagten Palermo und Villa Crespo in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires sind in der Dämmerung nur wenige Leute auf der Straße unterwegs. Dort arbeitet Analia Goldberg. Sie ist in Buenos Aires geboren, hat aber einige Jahre in Obertshausen gelebt. Die junge Frau bereiste schon den halben Globus. Ihr Vater widmete sich der traditionellen Tango-Musik, die Mutter, die bekannte Sopranistin Graciela Alperyn, stand auf den großen Opernbühnen der Welt, zuletzt in Gelsenkirchen und Wiesbaden.

Bereits mit drei Jahren hat Analia das Klavier spielen gelernt. Mit neun Jahren kam sie zum ersten Mal zur Mutter nach Deutschland, besuchte ein Jahr hier die Schule, ein Jahr in Südamerika. Sie bekam Ballettunterricht und sang mit einem Kinderchor im Rosenkavalier und in Carmen mit. Mit zwölf Jahren führte sie ein Leben zwischen den Welten: Ein Jahr in Deutschland, ein Jahr in Südamerika. Als die Mama den Hausener Bernd Lauer heiratete, folgte sie ihr in die Kleinstadt. Aber Analia entschied sich dann doch für Argentinien, „weil ich in Deutschland mein Leben nicht aufbauen konnte“, sagt sie. „Als Ausländerin war es sehr schwierig, ich fand keine Struktur, die Großfamilie fehlte“. Mit 20 Jahren ging sie zurück nach Südamerika. Begann als Pianistin für den Tango – als einzige Frau in einer Männerdomäne, arbeitete mit sehr berühmten und erfahrenen Musikern.

„Ich lebe den Tango“, erklärt sie. Sie singt, spielt Klavier, schreibt Arrangements für Orchester, und seit ein paar Tagen dirigiert sie ihr Color-Tango-Orchester. Das Oliviero, einen Kulturraum mit unscheinbarer Steinfassade, hat sie gemietet, mit Freunden renoviert und aus dem ehemaligen Stofflager ein typisches Restaurant mit offenen Backsteinwänden gestaltet. Die Stadt unterstützt ihre kulturelle Arbeit, dafür öffnet sie das Haus für Kinderbetreuung und private Tango-Kurse. „Ich mag keine Chefs“, begründet sie ihre Selbstständigkeit. Mittlerweile wird die Pianistin von unterschiedlichen Orchestern gebucht, begleitet Tango-Shows. „Ich muss spielen, was man erwartet“, erzählt sie, dabei ist sie mehr Komponistin.

„Ich mag Deutschland, die deutsche Mentalität“, sagt Analia. Auch Obertshausen liebt sie, vor allem den Äppelwoi und das Haus ihrer Mutter, das sie regelmäßig mit ihrem 13-jährigem Sohn Rafael besucht. Und wo sie auch schon mit dem ganzen Orchester übernachtet hat. Denkt sie an ihre Zeit in Obertshausen, erinnert sie sich ans Schnee-Schippen (den gibt’s in Buenos Aires nicht), an gelbe Säcke und Grünkohlsuppe. Sie hat enge Freunde in Hessen, „die sind nicht so spontan und leidenschaftlich, aber ernst, höflich, zuverlässig“, schwärmt sie und schmunzelt, „und keine Machos wie die Argentinier“.

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