Waldschule in Obertshausen

Verschiedenheit ist die Normalität

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In der Waldschule lernen alle Kinder in dem Tempo, das zu ihnen passt.

Obertshausen - Sanna Lotte grübelt über ihren Matheaufgaben. Stift im Mund, eine Hand zwirbelt nachdenklich die blonden Strähnen. Schließlich steht die Achtjährige auf, geht zum Regal und holt sich eine Rechenhilfe. Mit der geht’s schon viel besser.

„Ich mag Mathe“, sagt sie und schreibt eine große Vier in das vorgegebene Kästchen. Sie ist eine von 23 Kindern der flexiblen Eingangsstufe an der Waldschule. An vielen kleinen Inseln sitzen die Kinder in Gruppen und rechnen oder üben schreiben. Noch vor zehn Jahren wäre Sanna Lotte kein Teil dieser Klasse gewesen, denn das blonde, aufgeweckte Mädchen hat das Downsyndrom. Sie wäre vermutlich auf die Förderschule gegangen. Das wäre auch heute noch in vielen Regionen der Fall. Aber die Waldschule ist eine Insel, eine Orchidee in der Schullandschaft im Kreis Offenbach. Als Modellschule des hessischen Kultusministeriums versteht sie sich seit 2009 als „Begabtengerechte Schule“. „Bei uns wird kein Kind abgewiesen“, sagt Schulleiter Günter Kaspar, so sind in jeder Klasse vier bis fünf Prozent Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen. Sie hat durch den Status eines Modellprojektes die Chance, eine inklusive Beschulung anzubieten. Gemäß dem Motto: Verschiedenheit ist die Normalität. Kein Kind werde mehr als „anders“ angesehen, erklärt Kaspar. Doch dieser pädagogische Ansatz ist in seiner Konsequenz ein erheblicher Mehraufwand. Sechs Menschen kümmern sich um Sanna Lottes Klasse:

Zwei Grundschullehrer und eine Förderlehrerin sind für den Unterricht zuständig. Dazu kommen noch zwei Inklusionsassistenten, die jeweils ein Kind in seinem Schulalltag unterstützen. „Ich erkläre ihr zum Beispiel Arbeitsanweisungen, die sie beim ersten Mal nicht verstanden hat“, sagt Patricia Blumör. Die 48-Jährige ist von den Eltern als Teilhabeassistentin für Sanna Lotte engagiert. Liegt eine Behinderung vor, wie im Fall von Sanna Lotte, übernimmt die Kosten das Sozialamt. Vermittelt wurde Blumör vom Malteser-Ortsverband.

Für die Eltern war die soziale Integration ihrer Tochter sehr wichtig. Zwar habe eine Förderschule auch ihre Vorteile. Dort hätte die Tochter aber keinen Kontakt zu nicht-behinderten Kindern, erzählt ihr Vater Markus Fleißner. Seit letzten Sommer gehe Sana Lotte nun in die Schule und man merke, dass sie von einer gemischten Klasse profitiere. „Sie hat Freunde“, sagt Fleißner, werde auf Geburtstage eingeladen. Sie erfährt eine ganz normale Grundschulzeit. Auch ihre Mitschüler würden von der Vielfalt profitieren, findet auch Schulleiter Kaspar. „Kinder müssen ihr Lebensum-

feld kennenlernen“, sagt er. Und dazu gehörten eben neben anderen Weltanschauungen und Kulturen auch körperlich behinderte Menschen oder eben jene mit Lernschwierigkeiten. Menschen sind nicht behindert, sondern sie würden durch eine nicht barrierefreie Umwelt behindert, sagt er. Die Aufgabe der Schule sei es, dem mit gelebter Vielfalt präventiv entgegenzuwirken, erklärt Kaspar.

Klassisch und modern: Die besten Spick-Methoden

Sanna Lotte kommt bei einer ihrer Aufgaben nicht weiter. Sie wird unruhig, hat keine Lust mehr. Das ist der Moment, an dem Patricia Blumör eingreift. Ruhig und leise spricht sie mit dem Mädchen, ermuntert sie, es noch mal zu versuchen. Für Kinder wie Sanna Lotte besteht auch das Angebot, kurz in der Leseecke Pause zu machen. Dieses Angebot habe sie aber noch nie in Anspruch genommen, erzählt Blumör. Nach der Stunde haben die Kinder Sport. Eines der Lieblingsfächer der kleinen Oberts-hausenerin. „Da ist sie richtig gut“, erzählt ihre Teilhabe-Assistentin. Und auch da ist ihre Unterstützung gefragt, denn Blumör hilft Sanna Lotte beim Umziehen.

Damit Inklusion funktioniert, braucht es Geld und politischen Willen. Denn ohne die multiprofessionellen Teams wie an der Waldschule sei so eine Beschulung nicht zu leisten, sagt der Schulleiter. Inklusion als „Billigmodell“ komme für ihn nicht in Frage. Deshalb bange er ein wenig um die Zukunft seiner Schule, denn die Fördermittel als Modellprojekt laufen 2017 aus. Aber es geht nicht nur ums Geld. „Das Modell muss sich durchsetzen das sind wir der Gesellschaft schuldig“, sagt er.

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