Zwei Jahre auf Bewährung für 27 Jahre alten Obertshausener

Wegen 200 Euro den Opa verprügelt

Obertshausen - Er verprügelte mehrfach seinen 83-jährigen Großvater. Stets mit dem Ziel, an Geld zu kommen. Für seine Gewalttaten wurde der 27 Jahre alte Obertshausener vom Schöffengericht in Offenbach zu zwei Jahren Haft verurteilt – so eben noch zur Bewährung ausgesetzt. Von Stefan Mangold

Dass der Angeklagte mit einem blauen Auge davongekommen ist, wird bei der Urteilsbegründung von Richter Manfred Beck deutlich. Etwas überspitzt formuliert: Der Mann sollte die nächsten drei Jahre auch nachts um drei im Dorf an der Fußgängerampel auf Grün warten. Seit einem halben Jahr sitzt der Obertshausener in der Justizvollzugsanstalt ein. Aus gutem Grund: Mehrfach schlug er seinen Großvater in dessen Zuhause in Obertshausen und an der S-Bahnstation ins Gesicht, beleidigte ihn als „Hurensohn“ und warf dessen Fahrrad über einen Zaun. Und dies alles, um 200 Euro von ihm zu ergattern.

„Hat sicher eine schlechte Kindheit gehabt“, heißt es häufig in Internetkommentaren, wenn es um Gewalttäter geht. In behüteten Verhältnissen kam der Angeklagte tatsächlich nicht zur Welt, wie Rechtsanwalt Thorsten Peppel erzählt. Seinen Vater kennt er nicht, sein Nachname stammt vom zweiten Mann der Mutter. Diese Ehe brachte ebenso keine familiäre Bindung. Die Mutter trank. Sie starb, als sich der Angeklagte mit sechs Jahren am Wochenende bei den Großeltern befand. Dort blieb er. Irgendwann kamen Oma und Opa mit dem schwer erziehbaren Kind nicht mehr zurecht. Das Jugendamt vermittelte einen Platz in einer deutschen Pflegefamilie, die in Spanien lebt. Dort besuchte er eine deutsche Schule.

Wie ein roter Faden zieht sich die Aversion gegen Autoritäten durch das Leben des Obertshauseners. „Er hatte immer Probleme, Regeln zu akzeptieren“, fasst es sein Anwalt zusammen. Darauf fußen etliche seiner 13 Eintragungen. Neben Diebstahl, Betrug und Körperverletzung stehen dort Beleidigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Nach einer Verurteilung im Juni 2013 sah es nicht mal so schlecht für ihn aus. Der Mann durfte sich nur mit Fußfessel bewegen und musste ständig Kontakt zu seinem Bewährungshelfer halten. Der bescheinigt in den Akten, er habe alle Regeln befolgt. Auf einer Partnerbörse hatte der Mann im vergangenen Jahr eine Frau kennengelernt. Die zog darauf von der Ostsee mit ihrem Kind in eine gemeinsame Wohnung nach Mühlheim. Mittlerweile hatte der Angeklagte über eine Zeitarbeitsfirma einen Job. Nach drei Monaten zog die Freundin wieder aus und der Angeklagte beim Opa ein.

Dann exponierte er sich bei anderen Frauen durch Restaurantbesuche und Textileinkäufe finanziell stärker, als sein Einkommen dies erlaubte. Das sei in den Angriffen auf den Großvater gemündet, betont der Verteidiger. Sein Mandant wisse, dass es sich um eine verwerfliche Tat handele, „einen 83-Jährigen zu schlagen, dazu noch den Opa, geht gar nicht“. Für den Fall einer Haftaufhebung werde der Angeklagte bei seiner Schwester im Kölner Raum unterkommen. Als Angehörige einer Sicherheitsfirma habe sie genügend Leute zur Hand „die wissen, wie man Disziplin beibringt“, zitiert Peppel die Schwester. Richter Beck dechiffriert, womit der Verteidiger eine Bewährungsstrafe für den Stammgast an südhessischen Gerichten womöglich schmackhaft machen will: „Dann ist er weg....“

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Die Staatsanwältin fordert 30 Monate Gefängnis, samt Fortbestand des Haftbefehls: „Er schlägt einen alten Mann, um den Mädels imponieren zu können.“ Der Verteidiger plädiert auf zwei Jahre mit Bewährung. Ein langer Knastaufenthalt erhöhe die Gefahr, ihn wieder auf der Anklagebank zu sehen. Er habe positive Ansätze gezeigt und wisse: „ein Anruf der Schwester, und die Freiheit endet“. Der Enkel erklärt: „Was ich getan habe, hat mein Opa als letzter verdient.“

Richter Beck folgt dem Verteidiger. Immerhin habe der Angeklagte dem Großvater mit seinem Geständnis eine Zeugenaussage erspart, außerdem beim Haftprüfungstermin den Eindruck hinterlassen, dass die U-Haft erzieherische Wirkung zeige. Ein Kollege habe ihm vorher prophezeit: „Der beleidigt dich im ersten Satz“. Beck gibt dem Mann mit auf dem Weg: „Einmal Schwarzfahren, einmal einem Polizisten den Stinkefinger zeigen, schon gehen sie zurück in den Bau.“

Rubriklistenbild: © dpa

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